UKRAINE AKTUELL Nr. 915 (26.8.24 / 23Uhr)

  • Panik wegen Telegram in Russland
  • U-Haft für Telegram-Chef verlängert
  • Massive Vorwürfe an Pavel Durov
  • «Löschen Sie alle Telegram-Daten!!»
  • LePen soll im Kreml-Dienst handeln
  • Durov war eigentlich ein Putin-Gegner
  • Grossangriff – auch auf ein Wasserwerk
  • Brand in Russlands grösster Raffinerie
  • Ein Reuters Journalist getötet – zwei verletzt
  • Schweizer Reporter in der Region Kursk

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«TELEGRAM-PANIK» IN RUSSLAND

Seit Samstag ist Pavel Durov, Gründer und Chef des aus Russland stammenden Sozialen Netzwerks Telegram, in Paris in Haft. (Siehe Ukraine Aktuell Nr. 914 vom 24.8.2024).

Am Abend veröffentlichte «Madame la Procureure de la Republique» vom «Tribunal Judiciaire de Paris» die Anklagepunkte. Gleichzeitig verlängerte sie die U-Haft für Durov bis zum 28.August.

Die Anklage wirft Durov vor, dass er und sein Telegram zu wenig mit polizeilichen Behörden bei der Aufdeckung von illegalen Waffen- und Drogengeschäften und organisierter Kriminalität zusammengearbeitet haben. Ausserdem wird ihm Komplizenschaft mit der organisierten Kriminalität, bei der Verbreitung pornographischer Inhalte, dem illegalen Geschäft mit Drogen und Waffen, Komplizenschaft bei Betrügereien und Weisswäscherei von Verbrechen vorgeworfen. Ihm drohen dafür mindestens 5 Jahre Gefängnis. (Link zur Anklageschrift im ABO-Newsletter:) https://www.tribunal-de-paris.justice.fr/sites/default/files/2024-08/2024-08-26%20-%20CP%20TELEGRAM%20.pdf

Unklar ist, warum Durov am Samstag mit seinem Privatjet nach Paris flog, denn er war über den internationalen Haftbefehl informiert. Olga Lautman vom «Center for European Policy Analysis» schreibt: «Auch die russische Botschaft versucht, Zugang zu ihm zu erhalten. Das grösste Rätsel bleibt, warum Durov nach Frankreich geflogen ist, obwohl er wusste, dass er verhaftet werden könnte. Oder vielleicht ist es auch kein Rätsel.» https://x.com/olganyc1211/status/1827695206520541606?s=12

Bekannt ist, dass Durov letzte Woche Putin zu einem Gespräch in Baku treffen wollte, dies aber von Putin abgelehnt worden sei.

In Russland hat die Verhaftung von Durov unterschiedliche Panikreaktionen ausgelöst. Hauptgrund dafür ist, dass – was bisher kaum wahrgenommen wurde – ein Grossteil der Kommunikation der russischen Armee über Telegram-Kanäle läuft. Dazu gehören Befehlsübermittlungen aber auch Informationen über Gefechtsstandorte der eigenen und der fremden Truppen. Offenbar hat die russische Armee kaum eigene Kommunikationskanäle, was der russische Militärblogger «Sladkov» schon gestern kritisiert hat.  https://x.com/wartranslated/status/1827636752342729049

In vielen russischen Tageszeitungen bildete die Geschichte über die Durov-Verhaftung die Hauptschlagzeilen. Diese lauteten unter anderem: « Der Schlag gegen Telegram droht ein Schlag gegen Russland zu werden.“; „Telegram könnte ein Werkzeug der Nato werden…“; „Wenn Telegram zusammenbricht, wie wird [unsere Armee] dann kämpfen?“ https://x.com/BBCSteveR/status/1827956452373438648

Margarita Simonjan, Chefredaktorin des Kreml-Senders «RT» sagte: «Was ist der Kern der Geschichte mit Durov? Jeder, der es gewohnt ist, Telegram für sensible Gespräche/Korrespondenz zu verwenden, sollte dies löschen. Mach es jetzt und mache es nie wieder. Es war alles verschlüsselt aber Durov wird die Schlüssel geben». Simonjan sagte auch, dass sich Putin weniger Tage vor dem Flug Durovs nach Paris geweigert habe, ihn in Baku zu treffen. Simonjan meinte, damit habe Putin einen Fehler aus Stolz begannen, der in ihn teuer zu stehen kommen wird. https://x.com/geopolitis/status/1827707280340512771

Nach der Verhaftung von Durov wurden führende Beamte Russlands angewiesen, ihre Korrespondenz auf Telegram zu löschen. Die Nachricht ging an Beamte der Präsidialverwaltung [Kreml], der Regierung, des Verteidigungsministeriums sowie einige grosse Geschäftsleute. https://x.com/Virginie2R/status/1827751565144293865

Die russische Propaganda schlägt wegen der Verhaftung des Telegram-Chefs Durov um sich: Europa wird mit einer „totalitären faschistischen Diktatur“ verglichen, wo „Russophobie“ herrscht und „Journalisten in Gefahr“ sind, bis hin zu Zuchthaus, Folter und Ermordung. https://x.com/Staub_T/status/1827816223846928412

In Moskau fanden Demonstrationen vor der französischen Botschaft statt. Die Protestierenden wurden von Beamten des russischen Sicherheitsapparat nicht behindert. Roman Sheremeta, Ukrainer und Wirtschaftsprofessor an der amerikanischen «Case Western Reserve University» schreibt: «Es gibt weder Polizei- noch FSB-Agenten, die irgendjemanden festnehmen – eine gängige Praxis des Kremls bei allen nicht genehmigten Protesten. Das heisst, diese ganze Farce wird vom Kreml unterstützt.» https://x.com/rshereme/status/1827798284812886196

Die russischen Behörden haben Marine LePen, Führerin der französischen rechtsextremen «Front National/Rassemblement National», gebeten, wegen der Verhaftung bei den französischen Behörden aktiv zu werden. Darüber berichten unter anderem die russische Propagandaagentur TASS oder «Gazeta. ru» (siehe Bild).

Interessant zu wissen ist, dass die Partei von LePen bei Kreml-nahen Banken rund 40 Millionen Euro Schulden hat für Kredite, die sie aufnahm, um ihre Wahlkämpfe zu finanzieren. https://x.com/benoitmgh/status/1827821182999052429

Ein interessanter Aspekt der Anklage gegen Pavel Durov ist die Rolle, die Artikel 323-3-2 des französischen Strafgesetzbuches bei der Anklage spielt. Dieser Artikel war erst im Februar 2024 in Kraft getreten. Elon Musk, Chef und Besitzer von «X» könnte aufgrund desselben Artikels durchaus angreifbar sein.

HINTERGRUND ZU PAVEL DUROV

Kevin Limonier, Assoziierter Professor für Russlandstudien und Geographie an der Universität Paris, Mitglied des «Institut Français de Géopolitique» und Spezialist für die Verknüpfung von Numerik- und Geographie-Themen schreibt unter anderem zu Pavel Durov:

«Bevor Durov der Gründer von Telegram wurde, war er vor allem der Gründer von Vkontakte, dem grossen russischen sozialen Netzwerk. Durov spielte eine wichtige Rolle bei den grossen Anti-Putin-Demonstrationen 2011–2012 und weigerte sich, mit dem FSB [Russischer Geheimdienst] zusammenzuarbeiten.

Er wurde 2014 ausgewiesen, nachdem er eine weitere Bitte um Zusammenarbeit abgelehnt hatte.

Als «Persona non grata» in Russland wird Durov zum Luxus-Globetrotter. Er gründet Telegram, das sehr erfolgreich wird. 2018 geriet er erneut ins Visier der russischen Behörden, die erfolglos versuchten, Telegram im Land zu blockieren. Damals fügte Durov der russischen Macht eine starke symbolische Niederlage zu, die durch ihre Unfähigkeit, Telegram zu blockieren, die Unfähigkeit Russlands, seinen Cyberspace zu regulieren, deutlich machte. Auch hier lehnt er die Zusammenarbeit mit dem FSB offiziell ab.

Seitdem musste sich Telegram von den Sicherheitsdiensten nie wirklich fürchten. Die Anwendung wird heute sogar von bestimmten russischen Militäreinheiten an der ukrainischen Front genutzt.

So sagte unter anderem der russische Militärblogger Kiriyll Fedorov am 13.August im russischen Fernsehen: “Gestern noch haben wir Iskander [Raketen] über Telegram gesteuert, unsere Artillerie wird über Telegram gesteuert, die Luftfahrt. Das ist die Realität! Wir kämpfen im Internet! Wir haben Drohnenübertragungen über Discord, wir haben Führung über Telegram, die Arbeit mit unseren Informationsquellen erfolgt über Telegram, ob es jemandem gefällt oder nicht.“

Tatsächlich baute Durov ein Imperium auf, das heute mehr als eine Milliarde Menschen verbindet. Dadurch verfügt es über das, was wir in der Geographie eine immense „topologische Macht“ nennen, was bedeutet, dass es einen strategischen Knotenpunkt im Cyberspace kontrolliert und daraus beträchtliche Macht gewinnt. Aus Sicht der russischen Behörden ist es wahrscheinlich ein zu wichtiger Akteur geworden, eine zentrale Figur im russischen Internet, dessen wesentliches Rädchen Telegram ist.

Entscheidend dabei ist: Telegram ist heute der Hauptträger des Informationseinflusses Russlands in der Welt.

Dies gilt insbesondere für die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine, an deren Veröffentlichung viele Militärblogger beteiligt sind. Mit anderen Worten, Telegram ist zu dem Netzwerk geworden, in dem Niederlagen und Siege zugeschrieben werden und in dem ein Teil der Archive dieses Konflikts geschrieben wird.

Mit anderen Worten: Durov spielt eine entscheidende Rolle in der narrativen (manche würden sagen kognitiven) Dimension dieses Krieges. Aber seine topologische Macht endet hier nicht, wie die zentrale Rolle von Telegram bei der Koordinierung russischer paramilitärischer Gruppen in Afrika zeigt

Auch wenn es noch zu früh ist, um zu sagen, welche Folgen seine Verhaftung haben wird, sollten wir bedenken, dass Frankreich eine Rolle von seltener geopolitischer Bedeutung innehat. Auch wenn dies a priori nicht direkt mit den Anklagen zusammenhängt, für die Durov inhaftiert ist.» https://x.com/kevinlimonier/status/1827754889432428705

GROSSANGRIFF AUF UKRAINE

Innerhalb von wenigen Stunden hat Russland heute Morgen über 100 Drohnen und 60 Raketen verschiedener Typen auf die Ukraine abgefeuert. https://x.com/wartranslated/status/1827979672853840158

Die Drohnen griffen insbesondere Energieanlagen und zivile Wohngebiete an und trafen dabei mehrere Ziele. Betroffen waren die Menschen in 15 Regionen der Ukraine. In einem Video zeigt eine schockierte Bewohnerin der Stadt Odesa, was eine der russischen Raketen in ihrer Wohnung für Schäden verursacht hat. https://x.com/i/status/1827998748401680724

Zwei russische Marschflugkörper attackierten das Wasserkraftwerk Kyiv. Ein Marschflugkörper traf dort die Energieanlage und setzte einen Teil davon in Brand. Der andere Marschflugkörper schlug im Wasser ein. Wäre der Angriff erfolgreich gewesen und der Damm gebrochen, wäre Kyiv überschwemmt worden und die Zahl der Opfer in der Millionenstadt nicht vorhersehbar gewesen.

Denis Danilov schreibt: «Putin hat den Einsatz erneut erhöht und wartet auf die Reaktion des Westens. Dieser Schlag für Kiew könnte schlimmer sein als eine Atombombe, und wenn der Westen erneut schweigt und nichts unternimmt, wird Putin endlich von seiner Straflosigkeit überzeugt sein.» https://x.com/DenisDanilovL/status/1828024197441868003

Vor einem Grossangriff auf die Ukraine hatten die ukrainischen Behörden und die amerikanische Botschaft in Kyiv bereits vor ein paar Tagen gewarnt. (https://ukraineaktuell.com/ukraine-aktuell-nr-912-23-8-24-21uhr/)

Bis am Ende des Tages war die Anzahl aller Drohnen und Raketen noch grösser als am Morgen:

Russland hat insgesamt 236 Raketen und Drohnen auf die Ukraine abgefeuert, von denen 211 von ukrainischen F-16, NASAMS, Patriot- und IRIS-T-Systemen abgeschossen wurden. https://x.com/ukraine_map/status/1828165097656643924

«@Media_ua» zieht Bilanz: «570 Shahed hat den Feind im August über der Ukraine gestartet und derzeit sind 15 Kamikaze-Drohnen in der Luft.

Die grössten Angriffe waren:

  • 26. August – 109× Stück
  • 21. August – 69× Stück
  • 11. August – 57× Stück

Shahed-Drohnen und sogar ihre abgeschossenen Fragmente sind nicht weniger gefährlich als eine Rakete. Daher gilt im Ernstfall zumindest die Zwei-Wände-Regel, das heisst: Im Falle eines Alarms immer dafür sorgen, dass zwischen der Aussenwelt und dem persönlichen Aufenthaltsort zwei Wände sind. https://t.me/c/1198589840/97060

BRAND IN GRÖSSTER RAFFINERIE

Morgen begann es in der Ölraffinerie von Gazpromneft im russischen Omsk zu brennen. Was mit einem Schwellbrand begann, entwickelte sich im Laufe des Tages zu einem Grossbrand wie Videos zeigen (https://x.com/i/status/1828155006429929513 )

Diese Omsk-Raffinerie ist die grösste in Russland und seit 1955 in Betrieb. Sie produziert 50 verschiedene Arten von Ölprodukten. Der Grund für den Brand ist derzeit nicht bekannt.

REUTERS JOURNALIST GETÖTET

Am Samstag beschossen russische Truppen das Hotel Sapphire in Kramatorsk in der Ostukraine, in der sich mehrere Journalisten befanden. Darunter auch ein sechsköpfiges Team der internationalen Nachrichtenagentur Reuters, das über den Krieg in der Ukraine berichtete. Beim Angriff wurde Ryan Evans getötet. Evans war ein britischer Staatsangehöriger und Spezialist für Sicherheitsfragen im Team von Reuters. Zwei weitere Reuters Journalisten werden im Krankenhaus behandelt, einer davon mit schweren Verletzungen. https://www.reuters.com/world/europe/reuters-staff-hit-strike-hotel-ukraines-kramatorsk-2024-08-25/

REISE NACH SUDZHA

Der Schweizer Kriegsreporter Kurt Pelda und der Fotograf Raimond Lueppken waren in diesen Tagen in der russischen Region Kursk. Dazu schreibt Lueppken auf «X»:

«Wir (@KurtPelda und ich) sind gerade von einer Reise mit ukrainischen Soldaten nach Sudzha in der russischen Region Kursk zurückgekehrt. Dort wurden wir, entgegen unserer Einsätze im ukrainischen Kriegsgebiet, ständig von ukrainischem Personal beaufsichtigt. Die meisten russischen Zivilisten waren aus dem Gebiet geflohen. Das Ausmaß der Zerstörung war viel geringer als in den von Russen angegriffenen ukrainischen Städten. Wir betraten ein Geschäft voller Haushaltsgeräte. Alle Kühlschränke und Waschmaschinen und der Rest des Zeugs waren noch unberührt und mit Preisschildern versehen. Welch ein Kontrast zu den von Russen geplünderten ukrainischen Städten.» Ein ausführlicher Artikel dazu erscheint bald in den Medien der Gruppe «CH Media» unter anderem in der Aargauer Zeitung. https://x.com/RaimondLueppken/status/1828120983556816901

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