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ZERSTÖRUNG DER FLUCHTROUTEN
Nachdem alle drei Brücken über den Fluss Sejm in der Region Kursk von der Ukraine zerstört wurden, begannen die Russen mit dem Aufbau von Pontonbrücken. Das sind mobile, schwimmende und untereinander verbundene Boote mit Tragflächen, über welche auch Panzer gefahren werden können.
Der polnische Militärspezialist Maciej Korowaj schreibt dazu lakonisch: «Wenn Sie während des Krieges Flussübergänge aufrechterhalten wollen, müssen Sie … viele Pioniere und Pontons haben.» https://x.com/Maciej_Korowaj/status/1826172092997312552
Nach Schätzungen sind rund 3’000 russische Soldaten im eigenen Land durch die Sprengung der Sejm-Brücken vom Nachschub aus Russland abgeschnitten. Sie befinden sich in einem Kessel, der auf der einen Seite vom Sejm-Fluss und auf den anderen drei Seiten von ukrainischen Truppen begrenzt ist. Der amerikanisch-ukrainische Militärblogger Igor Sushki schreibt: «In den nächsten Tagen werden wahrscheinlich Massenkapitulationen stattfinden, da die Ukraine versucht, ihre Kontrolle unterhalb des Sejm zu festigen.» https://x.com/igorsushko/status/1825967153981567200
PUTIN FEHLEN DIE SOLDATEN
Putin hat nicht genügend Soldaten, um die Lücke in der Verteidigung der Region Kursk zu schließen. Knapp zwei Wochen nach dem Einmarsch der ukrainischen Streitkräfte sind Experten zufolge immer noch weniger russische als ukrainische Truppen in der Region. Deshalb begann die russische Armee Wehrpflichtige aus anderen Regionen Russlands zu sammeln, um es zu verteidigen.
Das russische Projekt «Walk Through the Forest» wehrt sich gegen gegen den Ukraine-Krieg und gegen eine Beteiligung von Russen an den Kämpfen: «Wir werden mit Anfragen überschwemmt, wir können ihnen kaum nachkommen», sagte Ivan Chuvilyaev, Sprecher des Projekts gegenüber der Financial Times. Ihm zufolge begannen sich Wehrpflichtige, die aus anderen Regionen in die Region Kursk geschickt wurden, und ihre Familien massenhaft für das Projekt zu bewerben: «Es begann in einigen Regionen, aber jetzt ist klar, dass die Wehrpflichtigen in ganz Russland mobilisiert werden.»
Mindestens 250 Wehrpflichtige aus St. Petersburg und 90 aus Moskau seien in die Zone der «Anti-Terror-Operation» verlegt worden. Auch Kaliningrad, Samara, Irkutsk und Naro-Frominsk schicken Wehrpflichtige.
Ursprünglich sollte das Grenzgebiet in der Region Kursk von FSB-(Geheimdienst)-Grenzschutzbeamten, dem tschetschenischen Achmat-Bataillon und in der Gegend stationierten Militäreinheiten bewacht werden. Das sagte Dara Massicot, Expertin für die russischen Streitkräfte und leitende Forscherin am Carnegie Berlin Center for Study Russland und Eurasien. Doch die Tschetschenen flohen, kaum sahen sie die Ukrainer und viele FSB-Beamte ergaben sich und schwenkten weisse Fahnen. https://x.com/Eric_Lecomte_/status/1825481134051873191
Die ukrainische Offensive in der russischen Region Kursk ist erfolgreich, weil der Plan des ukrainischen Generalstabs offenbar klug war und geheim blieb. Sie ist es aber auch, weil der Zustand der russischen Armee in weiten Teilen miserabel ist und viele Russen sich freiwillig ergeben.
Die Hintergründe dazu vom Militärhistoriker und Blogger @ChrisO_wiki. Hier sein Text, von mir leicht überarbeitet:
Russische Wehrpflichtige kämpfen derzeit in grosser Zahl bei der ukrainischen Kursk-Offensive, sterben und werden gefangen genommen. Da dies das erste Mal ist, dass Wehrpflichtige ein bedeutender Faktor im Krieg sind, wollen wir uns ansehen, wer die Wehrpflichtigen sind und warum sich so viele ergeben haben.
Die russischen Streitkräfte bestehen gegenwärtig aus vier Hauptgruppen: Berufssoldaten («Vertragssoldaten»), die sich freiwillig melden; zwangsweis rekrutierte Soldaten («Mobiks»), Sträflinge, die sich im Austausch gegen eine Begnadigung melden; und Wehrpflichtige, die ein Jahr lang Dienst leisten.
Mobiks unterscheiden sich von Wehrpflichtigen dadurch, dass sie hauptsächlich ältere Männer (und manchmal auch Frauen) in Russlands Reserve sind, die zuvor als Zeitsoldaten oder Wehrpflichtige in den Streitkräften gedient haben. Schätzungsweise 2 Millionen Menschen gehören dieser Kategorie an.
ALLGEMEINE WEHRPFLICHT
Alle Männer zwischen 18 und 30 Jahren unterliegen der Wehrpflicht. Alle drei Teile der russischen Streitkräfte (Heer, Marine und Luftwaffe) nehmen Wehrpflichtige auf. Ausnahmen werden aus gesundheitlichen oder anderen Gründen gemacht. Wehrdienstverweigerung kann mit bis zu 18 Monaten Gefängnis bestraft werden.
Die Wehrpflicht ist sehr unerwünscht (aus Gründen, die wir gleich erläutern werden). Bis zu 70 % der Wehrpflichtigen kaufen sich frei, indem sie einen Arzt oder einen Rekrutierungsoffizier bestechen. Die «Gebühr» betrug bereits 2007 zwischen 5’000 und 10’000 US-Dollar.
Dies verzerrt die demografische Zusammensetzung der Wehrpflicht drastisch, da den Streitkräften nur die ärmsten und am wenigsten gesunden Männer als Wehrpflichtige zur Verfügung stehen. Dies führt dazu, dass das russische Militär chronische Fitness- und Effizienzprobleme hat.
ARM, KRANK, SÜCHTIG
Im Jahr 2007 berichtete die russische Luftwaffe, dass 30 Prozent der jährlich 11’000 Männer «psychisch instabil» seien, 10 Prozent unter Alkohol- oder Drogenmissbrauch litten und 15 Prozent krank oder unterernährt seien.
Wehrpflichtige erhalten einen Hungerlohn – die Soldaten, die derzeit in Kursk kämpfen, bekommen Berichten zufolge 0,75 Dollar pro Tag – und als Soldaten mit dem niedrigsten Dienstgrad werden sie von denen, die über ihnen stehen, rücksichtslos ausgebeutet. Dazu gehören ältere Soldaten («Dyedi» oder «Grossväter») und Offiziere.
SCHICKANIERT UND MISSHANDELT
Seit Jahrzehnten sind Wehrpflichtige extremen und oft tödlichen Formen der Schikane und Misshandlung ausgesetzt, die als «Dedowschtschina» (wörtlich «Herrschaft der Grossväter») bekannt sind. Im Jahr 2006 wurden mindestens 292 russische Soldaten durch Dedowschtschina getötet. 2007 begingen 341 Soldaten Selbstmord
Dies führte gelegentlich zu tödlichen Vergeltungsschlägen. Im Oktober 2019 schoss der 20-jährige Wehrpflichtige Ramil Shamsutdinov auf zehn seiner Kameraden und tötete acht von ihnen. Zuvor erlitt er verschiedene Formen der Misshandlung unter anderem wurde er gezwungen, tagelang wach zu bleiben. Solche Folterungen sind häufig.
Ein Video zeigt einen jungen Soldaten, der ausgezogen, geschlagen und dann wiederholt mit dem Gesicht nach unten in eine Toilette gestoßen wird. Später ist er mit frischen Brandwunden von Eisen auf dem Rücken zu sehen. Seine Peiniger urinieren auf ihn. 2005 mussten einem Wehrpflichtigen nach Folterungen Beine und Genitalien amputiert werden.
Andere Formen des Missbrauchs sind die Verrichtung unbezahlter Arbeit, der Verkauf von Blut, um Geld für die Täter zu verdienen, oder die Zwangsprostitution. In St. Petersburg wurden Wehrpflichtige von den Dyedi gezwungen, sexuelle Dienstleistungen für einflussreiche Kunden mittleren Alters zu erbringen oder gefoltert zu werden.
NICHT AUSGEBILDET – ABER AUSGEBEUTET
Wehrpflichtige erhalten kaum oder gar keine militärische Ausbildung, was sie als Kampftruppe kaum brauchbar macht. Die Mütter von Wehrpflichtigen in der Region Kursk haben sich beschwert, dass ihre Söhne statt einer Ausbildung einfach als Arbeitskräfte eingesetzt wurden – sie trugen Granaten oder gruben Schützengräben.
Eine recht verbreitete Form der Korruption unter Offizieren besteht darin, Wehrpflichtige als unbezahlte Arbeitskräfte zum Bau oder zur Instandhaltung ihrer Datschen (Ferienhäuser) einzusetzen oder sie an Geschäftsleute zu vermieten, damit sie auf Baustellen, Feldern oder in Fabriken arbeiten – wofür die Wehrpflichtigen keinerlei Entschädigung erhalten.
ZWANG ZUR UNTERSCHRIFT
Das russische Gesetz verbietet es Wehrpflichtigen, im Ausland zu kämpfen, doch Offiziere haben Wege gefunden, dies zu umgehen. Während des Ukraine-Kriegs zwangen Offiziere Wehrpflichtige, gegen ihren Willen Verträge zu unterzeichnen, indem sie sie schlugen, bis sie nachgaben.
Ein Offizier erinnerte sich an die Aussage eines anderen Offiziers, der zwangsweise Wehrpflichtige rekrutierte: «Unsere Offiziere haben die eingezogenen Männer ‚an Land gezogen‘. Der Offizier sagt, bevor das Licht ausgeht, müssen wir ‚einen Vertragssoldaten zur Welt bringen‘, und fragt, wer einen Vertrag unterschreiben möchte. Niemand will, und die Jungs fangen an zu zappeln, bis jemand aufgibt und unterschreibt.»
Ebenso wurde Wehrpflichtigen in der Region Kursk Berichten zufolge angedroht, sie würden für sieben Jahre in ein Strafbataillon geschickt, wenn sie keinen Vertrag unterzeichnen würden.
SCHECKLICHE LEBENSBEDINGUNGEN
Auch ohne Misshandlungen sind Wehrpflichtige schrecklichen Lebensbedingungen ausgesetzt. Im Ausbildungszentrum der russischen Marine in Lomonossow in der Leningrader Region waren Wehrpflichtige schlechteren Bedingungen ausgesetzt als Häftlinge und mussten in verlassenen Kasernengebäuden leben.
«Die Jungs wurden in einen verlassenen Teil gedrängt, in dem es keine Kantine gibt. Importiertes Essen ist ekelhaft. Es gibt kein warmes Wasser. Es gibt Schimmel, Feuchtigkeit und einen Trockner für 180 Leute in der Baracke.»
«Das Trocknen von Socken auf Heizkörpern ist nicht erlaubt, alle ziehen nasse Kleidung an und werden krank. Gleichzeitig gibt es keine Medikamente und der Sanitäter gibt nur Soda und Salz zum Gurgeln.»
Die Rekruten der Ingenieure in Wolgograd waren mit ähnlichen Bedingungen konfrontiert: «Im Sanitätszentrum der Einheit gibt es keine Grundmedikamente, und was die Eltern mitbringen, muss vor den Offizieren versteckt werden, sofern es nicht sofort nach Erhalt des Pakets weggenommen wird.»
ZUSAMMENBRUCH IST LOGISCH
Der Zusammenbruch der russischen Verteidigung in Kursk ist keine Überraschung. Bereits im Mai 2023 geschah etwas sehr Ähnliches im Bezirk Graivoron in der Region Belgorod, als das russische Freiwilligenkorps kurzzeitig einmarschierte.
Die Verteidiger wurden fast sofort in die Flucht geschlagen. Den Rekruten zufolge bekamen sie nicht einmal Bürsten und Flüssigkeiten, um ihre Gewehre, Funkgeräte und andere Ausrüstung zu reinigen. Diejenigen, die an der Grenze Dienst leisteten, bekamen Gewehre, aber keine Munition.
Ihre Mütter berichteten, dass die Wehrpflichtigen in den sechs Monaten ihres Dienstes nur ein- oder zweimal auf dem Schiessplatz waren und ihre Kommandeure falsche Berichte über das tägliche Training vorlegten. Die Männer wurden in militärische Berufe eingeteilt, die nicht ihrer Ausbildung entsprachen.
Ein Rekrut wurde zum Sanitäter ernannt, obwohl er «nicht einmal wusste, wofür Aspirin und No-Spa [Drotaverin] waren». Andere bekamen alte Granatwerfer und Mörser, aber keine Ausbildung, diese abzufeuern. Einige wurden nicht einmal im Umgang mit Gewehren ausgebildet.
Einige der Wehrpflichtigen erhielten von der Armee nicht einmal Nahrung oder Wasser. Ein Wehrpflichtiger erzählte seiner Freundin, dass «sie dort Erde assen. Ich lachte zuerst , erkannte dann aber, dass das kein Witz war.» Freiwillige und Eltern brachten ihnen frische Kleidung und Nahrung, die sie selbst kochten.
Die Wehrpflichtigen gaben an, von ihren Kommandeuren schlecht behandelt worden zu sein. Diese hätten die Eltern gezwungen, sie und die Wehrpflichtigen zu ernähren. Einer Freundin zufolge «trinken die Offiziere und sie werden gewalttätig» und lassen ihre Frustrationen an den Wehrpflichtigen aus, die ihnen unterstehen.
LEBEN IN SCHÜTZENGRÄBEN
Die Männer blieben monatelang an Ort und Stelle, obwohl ihnen wiederholt versprochen worden war, dass sie abgelöst oder abgezogen würden. Dies geschah nicht, obwohl ihre Mütter sich an die Behörden wandten. Viele wurden krank und einige erkrankten in den kalten, feuchten Unterständen an einer Lungenentzündung.
Es überrascht nicht, dass die Moral schon vor dem Angriff niedrig war. Eine Mutter sagt: «Zuerst erlebten die Jungen ein Abenteuer. Dann erwartete man, dass sie abgelöst würden, man versprach es ihnen. Und jetzt herrscht Verwüstung. Sie fühlen sich betrogen und im Stich gelassen.»
Da diese Probleme von russischen Medien publik gemacht wurden, wissen die Russen mit Sicherheit darüber Bescheid. Es ist keine Überraschung, dass der Widerstand bei ihrem Angriff auf Kursk offenbar schnell zusammenbrach und sich viele Wehrpflichtige ergaben. https://x.com/ChrisO_wiki/status/1825453330845372906
BESTRAFUNG VON SOLDATEN
In einem Video https://x.com/i/status/1825660534173348152 ist zu sehen, wie russische Soldaten ihre Kameraden bestrafen. Die Bestraften werden mit Klebeband an Bäumen angebunden, geschlagen und beschimpft. Bei den Soldaten soll es sich um Menschen mit einem Alkoholproblem handeln. Aufgenommen wurde das Video in der Region Liman, die derzeit von Russland besetzt ist.
ZIVILKLEIDER ALS TARNUNG
Ein Video https://x.com/i/status/1824932656108425533 zeigt drei russische Soldaten, die von ukrainischen Soldaten abgeführt und in einen Lastwagen verfrachtet werden. Die Männer tragen Zivilkleider und ihre Augen sind mit Klebebändern abgedeckt. Zwei der drei Männer wehren sich gegen das Einsteigen. Sie werden eine Leiter entlang gehoben und auf die Ladefläche des Lastwagens geworfen. Zu dieser rüden Behandlung schreibt Igor Sushko, ein amerikanisch-ukrainischer Militärblogger: «Russische faschistische Soldaten zogen Zivilkleidung an und versteckten sich. Feiglinge. Durch diese Tat verloren sie den Schutz der Genfer Konvention als Kriegsgefangene.
Die «Washington Post» berichtet über einen Besuch bei russischen Kriegsgefangenen aus der Region Kursk. In den letzten 10 Tagen durchliefen 320 russische Militärangehörige dieses Gefängnis, davon waren nur etwa 20 % Vertragssoldaten. Nach diesem Gefängnis werden die Gefangenen in andere Strafanstalten in der Ukraine geschickt.
Die Zeitung stellt fest, dass die meisten Gefangenen unverletzt blieben. Einer der verwundeten Soldaten verwundete sich selbst mit einer Granate in der Hoffnung, zu sterben und nicht gefangen genommen zu werden, aber Soldaten der ukrainischen Streitkräfte leisteten ihm Erste Hilfe und evakuierten ihn in eine Klinik, wo sie nach einer Röntgenaufnahme Granatsplitter aus seinen Wunden entfernten. https://www.washingtonpost.com/world/2024/08/16/ukraine-russia-soldiers-conscripts-kursk/
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