
Ukraine Aktuell Nr. 669 (24.12.23/19Uhr)
- Noch ist der Krieg nicht verloren
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GESAMTSICHT
Nico Lange bündelt bekannte Informationen, die hier gemeldet wurden, und neue Fakten in einer Gesamtsicht und erstellt so ein vermutlich realistisches Bild der militärischen Lage im Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Russland gewinnt die Initiative zurück und greift im Nordosten und im Osten an. Die Ukraine geht zu strategischer Verteidigung über, organisiert sich um und muss knappe Ressourcen managen. Zusätzlich zu den laufenden größeren russischen Angriffen bei Avdiivka unternimmt Russland jetzt mehrere kleinere Versuche von Vorstössen. Russland gewinnt damit die Initiative an der Front im Nordosten und Osten zurück.
BISHER GERINGE GEBIETS-GEWINNE
Im Nordosten greift Russland in Richtung Kupjansk an. Westlich von Kreminna, nördlich und südlich von Siversk, auf breiter Front westlich von Bakhmut und südwestlich von Marjinka versuchen russische Truppen ebenfalls vorzurücken.
Die Schwerpunkte der russischen Angriffe scheinen von Bakhmut aus in westlicher Richtung sowie bei Avdiivka zu liegen. Nördlich von Avdiivka trieb Russland seine Linien um mehrere hundert Meter voran, allerdings unter sehr hohen Verlusten von Material und Personal.
GLEITBOMBEN & TERROR
An der Front im Süden unternimmt Russland vor allem Luftangriffe und Drohnenangriffe auf ukrainische Stellungen, sowohl bei Robotyne als auch auf den ukrainischen Brückenkopf am linken Dnjepr-Ufer nordöstlich von Kherson.
Besonders russische Gleitbomben, häufig mit einfachen Flügeln und Glonass-Navigation nachgerüstet, verursachen für die Ukraine Probleme. Die Gleitbomben sind für Russland billig, zielgenau und haben mehr Sprengkraft als Artillerie. Die Ukraine hat bisher kein Mittel dagegen.
Gleichzeitig mit den Angriffen an der Front intensiviert Russland den Beschuss frontnaher Städte wie Kherson, Nikopol, Bilohoriwka u.a. mit Artillerie, Raketenartillerie und Gleitbomben, um gezielt die Zivilbevölkerung zu terrorisieren.

UKRAINE VERTEIDIGT SICH
Die Ukraine wechselte in den Verteidigungsmodus. Allerdings scheint es in dieser Phase für die Streitkräfte der Ukraine nicht mehr um das unbedingte Halten der Stellungen, sondern vielmehr um Verzögerungsgefechte zu gehen.
Ukrainische Einheiten haben jetzt mehr Freiheiten, lageabhängig zu entscheiden, wie sie mit dem Ziel möglichst hoher Abnutzung der russischen Kräfte vorgehen. Das führt vereinzelt zu russischen Gebietsgewinnen aber gleichzeitig zu extrem hohen Verlusten der russischen Seite.
MANGEL AN MUNITION &LOGISTIK
Die Ukraine braucht mehr Artilleriemunition. Dieses Problem war lange bekannt. An einigen Frontabschnitten kann die Ukraine nur noch in sehr begrenztem Umfang Artilleriegefechte führen und muss sich ansonsten in ausgebauten Stellungen beschiessen lassen.
Instandsetzung und Wartung für Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge und Kampfpanzer müssen schnell näher an die Front gebracht werden. Auch westliche Hersteller sollten ihre Baupläne mit der Ukraine teilen und der Ukraine die eigene Herstellung von Ersatzteilen ermöglichen.

AUFRÜSSTEN GEGEN DROHNEN
Die Ukraine braucht weiter Luftverteidigung und Drohnenabwehr, vor allem billigere Methoden zur Abwehr von Massen billiger russischer Drohnen. Dazu gehört auch die Aufrüstung vorhandener Kampfpanzer und Schützenpanzer mit Radaren und Systemen zur Drohnenabwehr.
Die Ukraine braucht Liefersicherheit bei Komponenten für die stark wachsende ukrainische Drohnenproduktion sowie Hilfe beim schnellen Ausbau von Munitions- und Waffenproduktion innerhalb der Ukraine.
Die Lage ist für die Streitkräfte der Ukraine schwierig, insbesondere weil Ressourcen wie Artilleriemunition, Ersatzteile und schnelle Reparaturmöglichkeiten fehlen. Mit besserer Drohnenabwehr, mehr Drohnen und operativ einsatzbaren F-16 könnte sich die Lage bessern.
SANKTIONEN KITZELN RUSSLAND
Der Ukraine würde es sehr helfen, wenn bei der Durchsetzung der Sanktionen gegen Russland nachgebessert wird und der Westen Lieferung von Dual-Use Gütern, Werkzeugmaschinen und Rüstungsgütern an Russland besser unterbindet.
Während Russland auch aufgrund technologischer Sanktionen z.B. bis vor kurzem nur noch etwa 20-30 Marschflugkörper der Typen Kalibr, X-22 und X-555 im Monat produzieren konnte, steigerte es die Produktion jetzt wieder auf 100-120 monatlich.

RAKETEN FÜR FESTTAGE
Man muss leider davon ausgehen, dass Russland produzierte Marschflugkörper und Drohnen aufgespart hat, um zu Weihnachten, zum Jahreswechsel und in den kältesten Monaten Januar und Februar vor allem Kyiv, aber auch andere Städte der Ukraine, mit Angriffswellen zu überziehen.
Die Ukraine braucht mehr und ständigen Nachschub bei Präzisionswaffen mit hohen Reichweiten. Dazu gehören auch Taurus, GLSDB und ATACMS mit Monoblock-Sprengköpfen.
LEICHEN&ZERSTÖRUNGEN
Auch die russischen Streitkräfte haben entlang der Frontlinie erhebliche Schwierigkeiten. Die derzeitigen Vorstoßversuche führen vor allem zu sehr hohen russischen Verlusten und zerstörten ukrainischen Ortschaften, verändern den Krieg strategisch aber nicht.
Die Rede von «Aussichtslosigkeit» oder «Niederlage» der Ukraine ist mit Blick auf das reale militärische Geschehen übertrieben.

VOREILIGE SIEGES-RHETORIK
Die Schwierigkeiten der Ukraine und vor allem die innenpolitische Blockade in den USA führen aber auf russischer Seite zu voreiliger Sieges-Rhetorik und übermäßig selbstbewusster Propaganda.
Systematische umfangreiche Unterstützung der Ukraine, schnelle Verbesserung der industriellen Grundlagen sowie gezieltes Ausspielen westlicher Technologien, um die Ukraine im Süden in eine Position der Überlegenheit zu bringen ist weiterhin der notwendige Ansatz.
LIEFERUNGEN VS LANGER KRIEG
Die Alternative zur systematischen, industriellen und umfangreicheren Unterstützung der Ukraine wäre ein langwieriger Krieg der langsamen Zerstörung der Ukraine von Osten beginnend.
Die Partner der Ukraine sollten endlich aus der Formel «Unterstützung, so lange wie notwendig» herauskommen, die russischen Ambitionen frustrieren und die Ukraine in eine stärkere Position bringen, um einen Weg zu echten Lösungsansätzen zu eröffnen.
Text:
Fotos (Kürzlich zerstörte russische Geräte bei Wodiane, Gebiet Donezk):
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