Garry Kasparov, geboren in Aserbaidschan, ist einer der wenigen ex-sowjetischen Oppositionellen, die klar auf der Seite der Ukraine stehen. Bezüglich der aktuellen und zukünftigen Rolle Russlands vertritt er keine zweifelhaften Positionen. Das unterscheidet ihn von Oppositionellen wie der Witwe des ermordeten Alexei Navalny und anderen im Exil lebenden russischen Politikern: Für Kasparov ist die Kreml-Regierung eine Verbrecherorganisation und Russland dürfe in Zukunft keine wesentliche Rolle mehr in der Weltpolitik spielen.
Als ehemaliger Schachweltmeister kann Garry Kasparov zwischen Taktik und Strategie unterscheiden. Er tat dies bei einer Lageeinschätzung vor wenigen Tagen:
Alles verlief entgegen Putins Erwartungen. Kyiv wurde weder in drei Tagen noch in vier Jahren eingenommen.
Ausserdem hat die Ukraine bewiesen, dass sie als freier Staat agieren und ihre Rüstungsindustrie sehr dynamisch ausbauen kann.
Viele kriegsbefürwortende russische Blogger geben mittlerweile zu, dass die Ukraine in Sachen Innovation dynamischer ist, weil ihre Gesellschaft dynamisch ist.
Das russische System ist sehr schwerfällig, träge und korrupt. Man muss ewig warten, bis irgendjemand irgendetwas genehmigt.
Die Ukraine reagiert in diesem Drohnenkrieg auf alles sehr schnell. Das ist ein Vorteil der freien Welt, ein sehr wichtiger Aspekt.
Die Ukraine hat durchgehalten und nun die Initiative ergriffen, weil dort andere Mechanismen funktionieren: der Markt, die Demokratie, die Freiheit.
In Russland hingegen ist nach wie vor alles der Bürokratie untergeordnet. Alles ist zentralisiert, und sie können einfach nicht mithalten.
Die Ukraine fügt dem Gegner schwere Verluste zu. Ja, es gibt in Russland Herde der Unzufriedenheit, aber das bedeutet nicht, dass Putin den Krieg beenden wird.
Mir scheint, es gab vor etwa zwei Monaten, im Mai und Juni, eine Phase, in der im Kreml Zögern herrschte, aber das ist vorbei.
Jetzt ist die Lage klar. Man sieht es an Putins Reaktion auf Tokajew (Putins Drohungen gegen Kasachstan) und an der Verschärfung der Propaganda, dass sich die Lage verhärtet hat.
Aber ich glaube nicht, dass Putin über unbegrenzte Ressourcen verfügt. Wenn man die Dynamik, die Wirtschaft und die Finanzen betrachtet, glaube ich, dass Russland höchstens noch ein Jahr durchhalten wird.
Ich denke, Putin ist sich dessen ebenfalls bewusst, aber das bedeutet, dass nun ein beispielloser Eskalationsversuch unternommen wird.
Zunächst einmal rechnet Putin damit, dass sich die politische Landkarte Europas im Jahr 2027 verändern wird. Es stehen überall in Europa Wahlen an, insbesondere in Frankreich.
Wenn wir uns vorstellen, dass Frankreich einen Putin-freundlichen Präsidenten haben wird – was keineswegs unwahrscheinlich ist –, wird dies das Gleichgewicht stark verändern.
In Deutschland finden 2027 in mehreren Bundesländern Wahlen statt und die pro-Putin eingestellte Partei «Alternative für Deutschland» gewinnt dort an Stärke.
Deshalb scheint es mir, dass Putin sich nun zu einer Eskalation entschliessen könnte, die das Überschreiten einer NATO-Grenze einschliesst.
Nicht, um Lettland oder Estland zu besetzen – das ist unmöglich –, sondern um zu zeigen, dass die NATO nicht funktioniert.
Solange Trump in Amerika an der Macht ist, ist es schwer vorstellbar, dass Amerika kämpfen wird.
Das bedeutet, dass schon kurze grenzüberschreitende Zusammenstösse Putin die Gelegenheit bieten werden, zu erklären, dass die NATO nicht mehr existiert.
Putin kann den Krieg in der Ukraine nicht gewinnen. Ich glaube, das versteht sogar er. Aber er braucht irgendeine Art von politischem Sieg.
Leider glaube ich, dass das Risiko eines solchen Angriffs mit Drohnen, Raketen oder kleinen Gruppen wächst.
Der Vorfall mit der Rakete in Polen war ein Test. Drohnen fliegen regelmässig ein, Raketen und Schiffe haben die Seegrenze überschritten.
Meiner Meinung nach ist das Überschreiten einer NATO-Landgrenze im Grunde nur eine Frage der Zeit. Putin wird sich sicherlich dazu entschliessen.
Der Senat der USA hat einen Gesetzentwurf über «drastische Sanktionen» gegen Russland und den Iran verabschiedet. Der Gesetzentwurf geht nun an das Repräsentantenhaus. Der positive Entscheid fiel mit 86 zu 11 Stimmen.
Der Gesetzesvorschlag war von Lindsey Graham (Republikaner) und Richard Blumenthal (Demokraten) erarbeitet worden und sah ursprünglich 500% Strafzölle gegen Länder vor, die von Russland Erdöl- und Erdgasprodukte kaufen. Nach dem Tod von Graham wurde das Gesetz weiterentwickelt. Dabei wurden die vorgesehenen Strafzölle auf 100% festgelegt und die Sanktionen wurden auf Anordnung von Trump auf Handelspartner des Irans ausgeweitet. Ausserdem sieht der neue Gesetzesvorschlag vor, dass die Massnahmen nicht automatisch erfolgen, sondern nur auf Anweisung des US-Präsidenten.
Cynthia Jeanne Shaheen, Senatorin der Demokratischen Partei, sagte: «Wenn das Repräsentantenhaus seine Arbeit wieder aufnimmt, muss es diesen Gesetzentwurf unverzüglich an den Schreibtisch des Präsidenten weiterleiten… Jeder Tag, an dem dieser Gesetzentwurf auf seine Verabschiedung wartet, ist ein weiterer Tag, an dem Putin von Energieverkäufen profitiert, um Raketen, Drohnen und Waffen zu kaufen, mit denen Ukrainer getötet werden. Jetzt ist es an der Zeit zu handeln.» https://t.me/u_now/208056; https://kyivindependent.com/us-senate-begins-floor-debate-on-russia-sanctions-bill-vote-possible-aug-7/
WILDBERRIES-BILANZ
Nach der Drohnenkampagne der vergangenen drei Wochen hat die Mehrzahl der 30 grössten Lager des russischen Internetgiganten «Wildberries» Schaden genommen: 14 Lager wurde komplett zerstört, 3 Lager wurden teilweise beschädigt.
Zu den beschädigten Anlagen gehört auch das am Freitag angegriffene Lager in Jekaterinburg, 2’000 Kilometer von Kyiv entfernt.
Von den Lagern unter den Top-15 sind nur die grösste Anlage «Koledino» mit einer Lagerfläche von 250’000 Quadratmetern und die Nummer 15, das Lager «Obukhovo», weiterhin intakt. Beide befinden sich in der mit einem mehrfachen Verteidigungsgürtel geschützten Region Moskau. https://t.me/supernova_plus/57651
WILDBERRIES-KONSEQUENZEN
Die seit Mitte Juli erfolgenden Angriffe gegen Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries zeigen für die russische Armee negative Folgen. Die Verkäufe zehntausender militärischer Güter und solcher für zivilen und militärischen Gebrauch (doppelten Verwendungszweck) sanken, seit die ersten Lagerstätten ausbrannten.
Das in Russland als «unerwünschtes» eingestufte Online-Medium «Verstka», erstellt von Journalisten im Exil, erhielt Zugriff auf interne Dokumente des Onlinehändlers für den Zeitraum von Anfang Mai bis Anfang August. Gemäss der Auswertung fanden sich in den Kategorien «Körperschutz», «Drohnen», «Quadcopter-Zubehör», «Waffenzubehör», «Nachtsichtgeräte» und «Zielfernrohre» mindestens 31’500 Produkte.
Der Gesamtumsatz der analysierten Kategorien belief sich in den drei Monaten auf 1,646 Milliarden Rubel (17.3 Millionen Euro). Wie Verstka herausfand, sind die Umsätze in all diesen Kategorien nach Angriffen auf die Infrastruktur des Marktplatzes kontinuierlich gesunken.
In der zentralrussischen Stadt Syzran brennen Teile der Erdölraffinerie. Die Rauchwolken sind weit über der Stadt an der Wolga mit 160’000 Einwohnern zu sehen. Die Anlage, wurde schon mehrfach angegriffen, das letzte Mal am 13. Juli 2026. Die Anlage, eine der wichtigsten Russlands, befindet sich 900 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt in der Region Samara. Sie kann im Normalbetrieb jährlich rund 8,5 Millionen Tonnen Rohöl verarbeiten. https://t.me/exilenova_plus/28390
In der südrussischen Stadt Ilsky brennt es seit Samstagmorgen in der Raffinerie. Der russische «Einsatzstab Region Krasnodar» bestätigt den Brand und meldet, dass fünf Personen verletzt worden seien. Nach Angaben der Regierungsbehörde kam es zum Brand «durch den Absturz von Trümmern einer Drohne». Diese Art der Erklärung ist unterdessen die übliche, denn in Regierungserklärungen wird selten von direkten Treffern durch angreifende ukrainische Drohnen berichtet. https://t.me/opershtab23/17063
Als Reaktion auf den Mangel an raffiniertem Benzin hat die russische Regierung den Verkauf von minderwertigem Benzin mit schlechteren Umwelt- und Motoreigenschaften zugelassen. Die Nachrichtenagentur «TASS» berichtet unter Berufung auf das Energieministerium, dass die russische Regierung die Produktion, den Import und den Verkauf von Benzin der Normen Euro-2, Euro-3 und Euro-4 bis zum 1. Juli 2027 genehmigt hat. Diese älteren Kraftstoffnormen lassen höhere Schwefel- und Schadstoffemissionen zu als neuere Kraftstoffe. https://x.com/noelreports/status/2085645275515748764
ZWEITER GENERAL GESTORBEN
Das vor einer Woche in Moskau verübte Bombenattentat forderte mit grosser Wahrscheinlichkeit den Tod eines weiteren Generals. Diese Woche wurde der russische Generalmajor Valery Plokhotnyuk beerdigt.
Die regierungskritische, russische Plattform «Mediazona», schreibt: «Der Telegram-Kanal „VCHK-OGPU“ berichtete, dass am 5. August auf dem Troitzkower Friedhof die Beerdigung des Generalmajors Valery Plokhotnyuk stattfand. Die Autoren des Artikels behaupten, dass er bei einer Explosion im Restaurant Balzi Rossi am 1. August ums Leben kam. „Mediazona“ konnte anhand staatlicher Register bestätigen, dass Plchotjuk am 1. August gestorben ist.
Wladimir Putin verlieh Valeri Plchotjuk im Jahr 2021 den Rang eines Generalmajors. Zu diesem Zeitpunkt war er Chef des Stabes der 49. Armee. Im Jahr 2011 ernannte der Minister für Verteidigung Plchotjuk zum Chef der operativen Gruppe der russischen Truppen in Transnistrien.»
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