Die von Zelenskyj symbolisch genehmigte Parade auf dem Roten Platz dauerte am Samstag weniger als 45 Minuten und umfasste keine Militärfahrzeuge, keine Panzer, keine Kurz- und Interkontinentalraketen, keine Drohnen und kein anderes technisches Gerät.
Nach Putins Rede wurden den Zuschauern stattdessen ein siebenminütiges Video über neue russische Militärausrüstung gezeigt. Insbesondere die Aufnahmen der russischen Luftwaffe weckten den Verdacht nach KI-generiertes Videomaterial.
Steve Rosenberg, Moskauer BBC-Korrespondent, schreibt: «Ich habe schon viele Paraden zum Tag des Sieges auf dem Roten Platz miterlebt. Die diesjährige Ausgabe fühlte sich ganz anders an.
In den vergangenen Jahren musste ich vom Medienbus, der normalerweise bei der Basilius-Kathedrale parkt, losrennen, um mir einen guten Platz im Pressebereich am Rande des Platzes zu sichern. Dieses Jahr war kein Laufen nötig. Es waren weit weniger Journalisten vor Ort. Vielen internationalen Medienorganisationen war der Zutritt verwehrt worden.»
Bei der diesjährigen Parade fehlte nicht nur Medien und Technikmaterial, sondern auch Soldaten. Nur zwölf Formationen marschierten über den Roten, darunter eine Gruppe aus Nordkorea. Der Parade-Kommentator behauptete, sie hätten «die Region Kursk von neofaschistischen Besatzern befreit“ und «Massenheldentum gezeigt».
Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un nahm nicht teil und schickte Putin lediglich eine Gratulationspostkarte. Abwesend waren auch chinesische Delegierte und solche aus dem Westen. Selbst der nach Moskau gereiste slowakische Regierungschef Roberto Fico zeigte sich nicht auf der Parade. Die Tribünen waren stattdessen mit noch lebenden Weltkriegsveteranen und den selbsternannten Führern aus Belarus, Kasachstan, Usbekistan, Malaysia und Laos besetzt.
Putins Rede war durchsetzt mit historischen Vergleichen zwischen einem «aggressiven Nachbarn» – er erwähnte die Ukraine mit keinem einzigen Wort – und dem gewonnenen Kampf gegen die Nazis vor 81 Jahren. Dass im Kampf gegen die deutschen Nazis Soldaten aus der Ukraine, Weissrusslands, Russlands und der asiatischen Völker der UdSSR beteiligt waren, erwähnte Putin nicht.
Nach dem Ende der Parade verliess Putin eilig den Roten Platz.
ZELENSKYJ ÄRGERTE KREML
In seinem Erlass vom Freitag hatte der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskyj ausdrücklich zugestimmt, dass es einen Waffenstillstand für die Parade auf dem Roten Platz gab und nannte die genauen geografischen Koordinaten der Veranstaltung (hier im Foto eingeblendet). Dieses Vorgehen sorgte im Kreml für sichtlichen Ärger.
Mykhailo Rohoza, ein in Kanada lebender Ukrainer und Blogger, bewertet die Reaktionen im Kreml und die Situation wie folgt (Leicht redigiert wiedergegeben):
«Einige Menschen dort waren sichtlich wütend. Der Kremlsprecher Dmitri Peskow selbst wirkte verwirrt und suchte sorgfältig nach Worten, die der Situation gerecht würden, ohne den Kreml lächerlich zu machen. Andere forderten die Russen auf, die „Provokation einfach zu ignorieren“.
In Wirklichkeit war das Dekret kein „ernstzunehmendes“ Dokument im traditionellen Sinne. Doch bei Russland – und vielen autoritären Staaten – funktioniert ein solcher Schachzug auf der innenpolitischen psychologischen Ebene äusserst gut. Denn er zielt auf eine sehr wichtige Sache ab: die Wahrnehmung von Stärke.
Seit Jahrzehnten positioniert sich Moskau als „über“ seinen Nachbarn stehend. Der russischen Gesellschaft wurde beigebracht, dass Russland das Recht habe, anderen zu sagen, was sie zu tun haben – sogar in Bezug auf ihre inneren Angelegenheiten.
Die Rhetorik war immer dieselbe: „Die NATO-Erweiterung bedroht uns“, „wir werden die Russischsprachigen schützen“, „Russland hat Interessen“. Diese Logik rechtfertigte die Annexion der Krim im Jahr 2014, die Invasion im Jahr 2022 und spätere Forderungen nach der „Entmilitarisierung“ und „Entnazifizierung“ der Ukraine. Mit anderen Worten: Russland entscheidet, andere gehorchen. Andernfalls – Konsequenzen.
Doch hier bricht der Mechanismus zusammen. Denn hinter vielen russischen Drohungen steckt oft weit weniger Macht, als die Propaganda behauptet. Und wenn jemand offen darauf hinweist, wird der Kreml nervös – vor allem, wenn er nichts Überzeugendes als Antwort parat hat.
Russlands Verhandlungsposition drehte sich stets darum, Moskaus „Recht“ zu wahren, die Souveränität der Ukraine einzuschränken – sei es in der Aussenpolitik oder in innenpolitischen Angelegenheiten. Die Botschaft ist immer dieselbe: „Wenn wir es zulassen.“ Für den durchschnittlichen Russen fühlt sich das natürlich und richtig an.
Doch dann kommt das Frühjahr 2026. Und plötzlich sehen gewöhnliche Russen mit eigenen Augen, dass der militärische Druck und die politische Dominanz Russlands nicht so absolut sind, wie man ihnen gesagt hat. Selbst die Parade zum Tag des Sieges wirkt nicht mehr unantastbar.
Und vor diesem Hintergrund „erteilt“ Selenskyj Putin symbolisch die „Erlaubnis“, die Parade auf dem Roten Platz abzuhalten. Ja – es ist Demütigung. Die Ukraine hat es „gewagt“, Russlands eigene imperiale Haltung direkt im Kreml selbst zu spiegeln. Auf Moskau herabzuschauen – mit Sarkasmus.
Für viele Russen ist das zutiefst unangenehm. Sogar schmerzhaft. Denn Momente wie dieser pflanzen langsam gefährliche Gedanken in die Köpfe der Menschen: „Ist unser Zar alt und schwach geworden?“
Am Freitagabend meldete Trump, dass er mit Putin und Zelenskyj eine Vereinbarung getroffen habe: Die Ukraine stimmt einer dreitägigen Waffenruhe zu und im Gegenzug tauschen Russland und die Ukraine je 1’000 Gefangene aus.
Zitat auf Trumps Nachricht in seinem Netzwerk «Truth Social»: «Dieser Waffenstillstand umfasst die Einstellung aller Kampfhandlungen sowie einen Gefangenenaustausch von jeweils 1’000 Gefangenen pro Land. Diese Forderung wurde direkt von mir gestellt.»
Zelenskyj bestätigte diese Meldung kurz darauf, indem er schrieb: «Der Rote Platz ist für uns weniger wichtig als das Leben der ukrainischen Gefangenen, die nach Hause gebracht werden können.»
Am Samstagabend wurde diese Vereinbarung von Putin in Frage gestellt. In einer vom TV übertragenen Ansprache sagte er am Samstagabend, dass er keine Liste der Ukrainer für die auszutauschenden Gefangenen kenne. TASS zitierte Putin so: «Es sind bisher keine Vorschläge von Kiew zum Gefangenenaustausch eingegangen. Russland übermittelte der Ukraine eine Liste mit 500 ukrainischen Soldaten, die in Gefangenschaft waren, aber Kiew verschwand dann „vom Radar“, erklärte Putin.»
Der Schutz der russischen Hauptstadt vor ukrainischen Drohnen wird ausgebaut: In den letzten Wochen wurde der Schutz des Regimes vor Drohnen mit drei Ringen garantiert. Diese drei Ringe umfassten insgesamt 118 Abwehrstellungen. Nun gibt es einen vierten Ring und die Zahl der Luftabwehrstellungen beträgt neu 232. Dies ergibt sich aus Daten der Analysten des OSINT-Netzwerks.
Zu den Systemen gehören S-300, S-400, Pantsir, Buk-Stellungen und mobile Komplexe. Sie sind an wichtigen Autobahnen und auf Anhöhen weit jenseits der Ringstrasse positioniert. Die Radarsysteme reichen von moderner Ausrüstung bis hin zu Geräten aus der Sowjetzeit, die aus dem Lager geholt wurden.
Die Analysten von «DroneBomber» schreiben: «Anstatt das Land zu verteidigen, werden die Ressourcen des gesamten Aggressorstaates für den Schutz einer einzigen Region, einer einzigen Stadt, eines einzigen Platzes und eines einzigen Bunkers gebündelt. Jede neue Markierung auf unserer Karte ist eine Lücke in der Verteidigung irgendwo in einer anderen Region der Russischen Föderation.»
Nach der Vertreibung Viktor Orbáns durch das ungarische Volk, wurde am Samstag der Wahlsieger Péter Magyar als neuer Regierungschef ins Amt eingeführt 140 Abgeordnete stimmten für ihn, 54 dagegen.
In seiner Antrittsrede vor einer grossen Menschenmenge sagte Magyar unter anderem: «Orbán, die Marionette der Amerikaner, unterhält Verbindungen zu Oligarchen, die Dutzende Milliarden in die Vereinigten Arabischen Emirate und in die Vereinigten Staaten transferieren. Ich werde dem ein Ende setzen.»
Gleichzeitig wählte das ungarische Parlament bei seiner konstituierenden Sitzung Àgnes Forsthoffer zur Parlamentspräsidentin. In ihrer Ansprache nach ihrer Vereidigung ordnete sie als erste Amtshandlung an, dass nach 12 Jahren die Flagge der Europäischen Union wieder an der Fassade des Parlaments angebracht werde. Dies geschah wenige Minuten später.
Die amerikanische Journalistin und Historikerin Anne Applebaum schreibt: «Premierminister Magyar wird vereidigt und erklärt: „Familie, Freunde und Gemeinschaften werden wieder miteinander sprechen können.“ Die Ungarn schwenken Fahnen und sagen, sie fühlten sich wieder zu Hause: „Jetzt haben wir das Gefühl, dass unsere Kinder und Enkelkinder hier eine Zukunft haben.»
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