- Wie Russen Frauen quälen – Teil 2
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DREI FRAUEN GEQUÄLT – Teil2
Yuliya Koveshnikova (Bild, Mitte), Vira Biryuk (Bild, rechts) und Nonna Galka (Bild, links) sind drei Ukrainerinnen, welche von russischen Soldaten immer wieder misshandelt wurden und zum Teil noch werden.
Das russische Magazin «The Insider» hat die Geschichten dieser drei Frauen aufgezeichnet. Der erste Teil wurde in Ukraine Aktuell Nr. 1245 publiziert (https://ukraineaktuell.com/ukraine-aktuell-nr-1245-21-7-25-11-uhr/)
Hier berichtet Vira Biryuk. Sie kam im Rahmen eines Gefangenenaustausches frei.
Mein Name ist Vira Biryuk. Ich lebte im Dorf Bakhmutivka in der Region Luhansk. Wir wurden sofort besetzt. Am 26. Februar 2022 [2 Tage nach dem Überfall auf die Ukraine] erklärte Russland, dass wir in die Russische Föderation eingegliedert worden seien. Anfang März begannen sie mit selektiven «Filtrationsmassnahmen». Die Liste für die Filtration wurde von der Vorsitzenden des örtlichen Dorfrats, Tatjana Jurova, vorgelegt. Sie umfasste hauptsächlich Familien ukrainischer Soldaten.
Ich arbeitete nicht. Ich war im Mutterschaftsurlaub und kümmerte mich um meine bettlägerige Mutter. Sie kamen zu uns nach Hause, weil mein Bruder in der ukrainischen Armee gedient hatte. Vier Männer mit Sturmgewehren betraten das Haus und fragten, wo er sei. Jeder wusste, dass er seit über acht Jahren nicht mehr dort lebte. Trotzdem durchsuchten sie die Wohnung und verlangten alle Telefone zur Überprüfung. Sie suchten nach einer Uniform, nach allem, was ukrainische Symbole trug. Sie wollten ein aktuelles Foto von ihm. Dann gingen sie.
In der Nacht vom 4. September 2023 wurde ich festgenommen. Ich verstehe immer noch nicht, wie sie ins Haus gekommen sind, ohne das Schloss der Eingangstür aufzubrechen.
Ich wachte auf und sah Menschen in Sturmhauben, die mich an beiden Armen hochhoben. Ich schaute nach unten und sah einen roten Laserpunkt auf meiner Brust. Keine Erklärungen. Dort begannen sie, mich zu befragen: «Wo ist dein Telefon? Wie viele Telefone hast du? Wo sind deine Verwandten? Wo ist deine Mutter? Wo sind deine Kinder?» Wenn ihnen meine Antworten nicht gefielen, schlugen sie mich. Sofort.
Das Letzte, was ich sah, bevor sie mir die Augen verbanden, war eine Kolonne weisser Transporter, die vor dem Haus vorfuhr. Dann verbanden sie mir die Augen, zwangen mich auf den Boden eines der Transporter und fuhren los. Wie ich später herausfand, brachten sie mich nach Luhansk – in das ehemalige Gebäude des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU), in dem heute der FSB [Geheimdienst Russlands] untergebracht ist. Sie führten mich direkt zu einer Verhörrunde im Keller. Niemand erklärte mir etwas. Sie wiederholten nur immer wieder, dass ich eine ukrainische Spionin sei.
Unten im Keller setzten sie mich auf einen Stuhl, klebten mich mit Klebeband fest und begannen, mir Fragen zu stellen. Wenn ich antwortete, versetzten sie mir Stromschläge. Wenn ich nicht antwortete, versetzten sie mir ebenfalls Stromschläge. Wenn ich die Wahrheit sagte und sie entschieden, dass es eine Lüge war, versetzten sie mir erneut einen Stromschlag.
Sie fragten mich, wo ich aufgewachsen sei, welche Staatsangehörigkeit ich habe, wie viele Telefone ich habe und mit wem ich in der ukrainischen Armee gesprochen habe. Die Verhöre dauerten die ganze Nacht und den nächsten Tag bis etwa 17 Uhr. Schliesslich zwangen sie mich, einige Papiere zu unterschreiben. Ich hatte immer noch die Augen verbunden und konnte nicht sehen, was ich unterschrieb. Sie hoben die Augenbinde nur so weit, dass ich sehen konnte, wo ich meine Unterschrift setzen musste.
Danach brachten sie mich zum Untersuchungsausschuss – zu einem offiziellen Ermittler. Dort sagten sie mir, dass sie mich für lange Zeit einsperren würden, aber wenn ich gestehe, vielleicht nicht so lange. Ich bat sie, meine Familie zu benachrichtigen. Sie sagten mir: «Es gibt keinen Grund, jemanden zu benachrichtigen. Niemand wird irgendwelche Anrufe tätigen. Du wirst auch keinen eigenen Anwalt beauftragen.» Mir wurde ein Pflichtverteidiger zugewiesen.
Den nächsten Monat lang wurde ich in einer provisorischen Haftanstalt festgehalten – ohne Gerichtsbeschluss. Sie brachten mich noch am selben Abend dorthin. Die diensthabenden Beamten sagten, es sei zu spät, sie hätten nichts zu essen für mich. Diejenigen, die mich gebracht hatten, zuckten nur mit den Schultern und sagten: «Ist schon gut. Gebt ihr morgen etwas zu essen. Wir haben ihr auch nichts gegeben.» Dann brachten sie mich in einen Untersuchungsraum und befahlen mir, mich nackt auszuziehen und in die Hocke zu gehen. Vor männlichen Beamten. So wurde ich untersucht.
Am nächsten Tag wurde ich zum Leiter der Haftanstalt gebracht. Aber vorher mussten wir uns erneut ausziehen, um noch einmal durchsucht zu werden. Sie nahmen mir sogar meine Haargummis weg. Der Leiter sagte mir, dass ich, «da ich ein Mädchen bin», Reinigungsarbeiten in der Einrichtung verrichten müsse: morgens musste ich den Flur wischen und nachmittags den zweiten Stock putzen. Ebenfalls putzen musste ich den Aussenhof.
Eine Woche später brachten sie mich zu einem Lügendetektortest, wieder zum FSB-Gebäude. Sie sagten, sie bräuchten den Test, um zu «wissen, wie sie mich behandeln sollen» – «wenn du die Wahrheit sagst, schlagen wir dich nicht jeden Tag; wenn du lügst, schlagen wir dich weiter».
Die wichtigsten Fragen waren, ob ich für den SBU (ukrainischer Geheimdienst) arbeite und ob ich jemals Kontakt zum SBU aufgenommen habe, um ihnen Informationen zu übermitteln. Ich verneinte beides. Und das war die Wahrheit.
Danach brachten sie mich in das Büro desselben Beamten, der mich überallhin begleitet hatte. Dort sagte er mir, ich hätte den Lügendetektortest nur bestanden, weil «NATO-Ausbilder dich trainiert haben». Erst Anfang Oktober wurde ich vor Gericht gestellt, um meine Untersuchungshaft zu bestätigen. Da wurde ich offiziell wegen versuchten Mordes angeklagt.
[Vira wurde beschuldigt, einen Mordanschlag auf den Vorsitzenden des Zollkomitees der „Republik“, Yuriy Afanasyevsky, verübt zu haben. Angeblich hatte sie ein mit Sprengstoff präpariertes Smartphone in die Region Luhansk gebracht und es Afanasyevsky übergeben, dessen Sohn bei der Explosion des Pakets, in dem sich das Telefon befand, verletzt wurde.]
Der ganze Fall war zu weit hergeholt. Das Einzige, was sie hatten, war, dass ich mich angeblich irgendwo in der Nähe [des Ortes, an dem das Telefon an Afanasyevsky übergeben wurde] aufgehalten hatte.
Die nächsten elf Monate verbrachte ich in Untersuchungshaft. In meiner ersten Zelle war ich zusammen mit einer anderen Frau aus der Ukraine, Aliona Sytnyk. Auch sie wurde der Spionage beschuldigt und später zu elf Jahren Haft verurteilt. Sie sitzt immer noch ein. Davor verbrachte sie ein ganzes Jahr in einem Kellergefängnis. Ihre Familie hatte keine Ahnung, wo sie war, denn niemand sagt den Angehörigen etwas, bevor der FSB die Erlaubnis dazu erteilt.
[Wie viele andere inhaftierte Ukrainer hatte Vira Biryuk keinen Kontakt zu ihrer Familie. Auch gab es keine grundlegenden Hygieneartikel oder Kleidung zum Wechseln. Diese können nur im Gefängnisladen gekauft oder in Paketen erhalten werden.]
Ich trug genau das, was ich bei meiner Verhaftung anhatte. Das mag unbedeutend klingen, aber es bedeutete, dass ich nichts zum Waschen und nichts zum Abtrocknen hatte. Erst Ende Oktober – während einer Anhörung zur Verlängerung meiner Haft – habe ich mich endlich zu Wort gemeldet. Als der Richter mich fragte, ob ich dem Gericht vertraue, sagte ich: „Wie kann ich Ihnen vertrauen, wenn Sie mich vor meiner eigenen Familie verstecken? Sie können Ihre Kleidung wechseln – ich nicht. Draussen ist es kalt, der November beginnt, und ich wurde hierher in dünnen Leggings, einem T-Shirt und ohne Socken gebracht.» Danach erlaubten sie meinem vom Gericht bestellten Anwalt tatsächlich, meine Familie zu kontaktieren und ihr mitzuteilen, wo ich mich befand.
Später wurde ich in eine Zelle verlegt, mit einer Frau, die an Schizophrenie litt. Sie hatte ihre Tochter getötet und ihre Enkelin vom Balkon geworfen. Nachts hatte sie Anfälle. Ich wachte auf und sah sie nackt auf dem oberen Bett gegenüber von mir sitzen, einen Wasserkocher umklammernd, herumhüpfend wie eine Amazone. Ich schlug gegen die Tür, rief nach den Wärtern – «Hilfe, bitte!» Aber sie sagten nur: «Komm damit klar. Was sollen wir denn machen?» Erst Ende Dezember 2023 verlegten sie sie in eine psychiatrische Einrichtung.
Dann kam ich zu einer anderen Frau. Sie hiess Nastya und war Separatistin, sie unterstützte die Unabhängigkeit der sogenannten «Republiken» [«Republiken» nennen die Russen die von ihnen besetzten Regionen Luhansk und Donezk]. Wir teilten uns bis Ende Mai 2024 eine Zelle. Danach landete ich in einer Gruppe von Frauen, die wegen Drogenhandels angeklagt waren. Das waren totale Putin-Fanatikerinnen. Sie hatten Porträts von ihm, beteten morgens und abends zu ihm und küssten seine Bilder.
Mir wurde schon im Voraus – noch bevor mein Urteil verkündet wurde – gesagt, dass ich Teil eines Gefangenenaustauschs sein würde. Am 27. August 2024 hatte ich einen ganzen Tag lang Gerichtsverhandlungen. Am nächsten Tag, dem 28. August, verurteilten sie mich zu 15 Jahren Strafkolonie.
Unmittelbar danach begannen sie, mich auf den Austausch vorzubereiten. Zuerst holten sie einen Fotografen, um Fotos zu machen. Dann brachten sie mich zur Untersuchung in die Krankenstation. Sie gaben mir einige der Gegenstände aus den Care-Paketen, die mir zuvor verweigert worden waren. Und sie sagten mir, dass jemand in der Nacht kommen würde, um mich abzuholen. Gegen 19 Uhr brachten sie eine weitere Frau in die Zelle und sagten, wir würden zusammen gehen.
Aber die Stimmung in der Zelle war angespannt. Diese Frauen, die Putin-Anhängerinnen, begannen miteinander zu flüstern: «Warum beten wir zu Putin, wenn sie doch nach Hause darf?» Dann wandte sich eine von ihnen, Ulyana, an mich und sagte: «Du wirst also ausgetauscht, dann küss doch Onkel Wowa [Wladimir Putin] dafür, dass er dich gehen lässt.» Ich packte weiter meine Sachen und versuchte, sie zu ignorieren. Aber sie wiederholten immer wieder: «Zeit, Onkel Wowa zu küssen.» Ich sagte: «Ich gehe nach Hause und küsse dort meinen eigenen Onkel Wowa.»
Ich hatte Geschichten von Menschen gehört, die zum Austausch mitgenommen, herumgefahren und dann in ihre Zellen zurückgeschickt worden waren. Aber ich war mir sicher, dass es diesmal echt war, dass wir nicht zurückkehren würden. Die Reise dauerte drei Tage: zuerst nach Rostow am Don, dann nach Woronesch, dann nach Brjansk und schliesslich an die Grenze. Als wir die Busse vor den Fenstern des Internierungslagers sahen, wussten wir mit Sicherheit – es war der Austausch.
Es tat mir weh, als wir die russischen Gefangenen auf der anderen Seite sahen. Sie standen dort, gut ernährt, glücklich. Unsere Jungs waren alle abgemagert, geschlagen, konnten sich kaum bewegen. Aber natürlich war da auch Freude, endlich zu Hause zu sein – endlich frei.
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