#UKRAINE AKTUELL Nr. 1190 (27.5.25 /19Uhr)

ANALYSE: Wie es um Russland steht

  • Ziel 1 ist die Eroberung der Ukraine
  • In 2 – 3 Jahren ist Russland voll da
  • Militärisch: Täglich 1’000 neue Soldaten
  • Russlands Waffen zu 80% veraltet
  • Die Finanz-Reserven nehmen ab
  • Belarus, Nordkorea und China liefern
  • Wirtschaftliche Krise verschärft sich
  • Russland benötigt eingefrorenes Geld
  • Weissrussland ist militärisch schwach
  • Schwache Opposition – kein Aufstand
  • Militär-Übungen gegen Osteuropa
  • Was Russland in Afrika erreichen will
  • Kirchen-Popen sind heute Agenten
  • Was der ukrainische Geheimdienst tut

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WIE ES UM RUSSLAND STEHT

Der ukrainische Auslandgeheimdienst wird von Oleh Iwaschtschenko geführt, einem Militär mit einer langen Kampferfahrung, besonders in Spezialoperationen. In seinem ersten Interview seit dem Amtsantritt vor 15 Monaten legt Iwaschtschenko die Erkenntnisse über Russland offen. In dem sehr interessanten Interview haben die beiden Journalisten Serhij Tscherewatyj und Alla Scherschen von «Ukrinform» Dinge erfahren, die bisher nicht bekannt waren. Ich habe die wesentlichen Fakten destilliert:

DIE ZIELE DES KREMLS
«Die strategischen Pläne Russlands in Bezug auf die Ukraine bleiben unverändert: die vollständige Kontrolle über unser Territorium. Aber Wunsch bedeutet nicht Möglichkeiten. Sie sind erschöpft – technologisch, wirtschaftlich und diplomatisch. Generell ist das langfristige Ziel Russlands die Herstellung der Kontrolle über die Länder der ehemaligen Sowjetunion.»

RUSSLAND BRAUCHT 2 – 3 JAHRE

«Es ist eine Frage der Zeit, wer als Nächstes dran ist. Polen, die baltischen Länder und Nordeuropa sind im Risikobereich. Unsere Analysten fragen nicht mehr, ob Russland es wagen wird, andere Länder anzugreifen. Die Fragen sind: Wann und von wo?

Unseren Prognosen zufolge, die auch von unseren europäischen Kollegen geteilt werden, wird Russland nach dem Ende der Kampfhandlungen von zwei bis vier Jahre benötigen, um seine Kampffähigkeit wiederherzustellen. Sollten die Sanktionen aufgehoben werden, würde der Wiederaufrüstungsprozess deutlich schneller vorangehen.»

DAS GELD GEHT ZU NEIGE
Vor dem Februar 2022 hatte der «Wohlfahrtsfond» Russlands [daraus werden unter anderem die Renten und Sozialleistungen bezahlt] 150 Milliarden US-Dollar. Jetzt sind es noch etwa 38 Milliarden Dollar. Von den ursprünglich 2’300 Tonnen Gold haben sie noch 1’700 Tonnen. In den ersten 3 Monaten dieses Jahres kostete dieser Krieg 5 Milliarden Dollar.

TÄGLICH 1’000 NEUE SOLDATEN
Heute geht in der Russischen Föderation jeder zur Armee, der Geld verdienen möchte. Für einen unterzeichneten Vertrag gibt es je nach Region 30’000 bis 40’000 Dollar. Jeden Tag gibt es 1’000 bis 1’200 neue Zeitsoldaten. Das ist also keine Mobilisierung für den Frieden, sondern eine Vorbereitung auf etwas Grösseres.

WIRTSCHAFTLICHE PROBLEME
«
Zum Ende dieses Jahres erwarten wir ernsthafte Probleme in der russischen Wirtschaft, Probleme mit Geld- und Arbeitskräfteressourcen». Die Krise im Energiesektor, im Wohnungs- und Kommunalsektor sowie der Personalmangel könnten sich bemerkbar machen.

LÜGEN ÜBER DIE FRONTLAGE
«Aussagen über ein „Abdrängen“ unserer Truppen aus den Grenzgebieten entsprechen nicht der Wirklichkeit. Im Gegenteil, wir kontrollieren eine Reihe von Stellungen insbesondere in den Regionen Kursk und Belgorod.

Der Kreml möchte eine sogenannte Sicherheitszone in den Gebieten Kharkiv, Sumy und Tschernihiv. Allerdings verfügen sie nicht mehr über die Ressourcen, die sie zuvor hatten. «Wenn sie früher von einer Tiefe von 30 Kilometern träumten, so sind es heute 5–10 Kilometer.»

DIE MENSCHEN-RESERVEN
In Russland leben etwa 145 Millionen Menschen. Die Mobilisierungsressource beträgt 25 Millionen Menschen. Das sind Personen mit einschlägigen militärischen Berufserfahrungen oder verwandten Fachkenntnissen. Das sind aber auch die Arbeitsressourcen, die die Wirtschaft antreiben.

Real haben nur 3 Millionen Menschen militärische Kenntnisse, die mobilisiert werden können. Seit Kriegsbeginn wurden 1,3 Millionen Menschen mobilisiert. Davon sind fast eine Million getötet oder verwundet worden.

DIE WAFFEN
Russland versucht ein Maximum an Waffenproduktion. «Aber es werden Investitionen, Maschinen und Komponenten benötigt, und damit gibt es Probleme». Schwierig steht es mit Elektronik und Spezialchemie.

«Heute sind 80 Prozent der Militärausrüstung veraltet und haben eingeschränkte Eigenschaften. Sie wurde aus dem Lager geholt, repariert und an die Front geschickt. Nur 20 Prozent der russischen Ausrüstung sind Systeme der neuesten Generation».

NORDKOREA LIEFERT HÄLFTE
Russland produziert pro Jahr etwa drei Millionen Geschosse im Kaliber 122-mm und 152-mm. Weitere 2,5 bis 3 Millionen bekommen sie von Nordkorea. Seit Kriegsbeginn sind es bereits sechs Millionen Geschosse. Nordkorea lieferte bisher auch 120 Artilleriesystem 170-mm «M1989 Koksan» und 120 Mehrfachraketenwerfersysteme 240-mm-«M1991».

AUSTAUSCH MIT NORDKOREA
Die Russen liefern den Nordkoreaner Raketen- und Weltraumtechnologien. «Wir schliessen nicht aus, dass hierzu auch Technologien für Atomwaffen oder deren Verbesserung gehören.»

Nordkorea schickte Fachkräfte für Unternehmen des Militärindustriekomplexes, insbesondere für den Flugzeugbau. Zudem schickte Nordkorea letztes Jahr 13’800 Arbeiter für die Landwirtschaft, den Haus- und Strassenbau.

KOREANER IN DER UKRAINE
Es gibt sie in der Region Kursk. Wir haben sie nicht in den besetzten Gebieten der Ukraine registriert, aber ihre Artillerie tauchte bereits in Richtung Cherson und anderen Richtungen auf.

ZUSAMMENARBEIT MIT CHINA
Die Russen teilen ihre Erfahrungen mit den Chinesen. Es finden auf der Ebene der Stäbe und der Planung gemeinsame Militärübungen statt. Jetzt werden die Chinesen auch zu gemeinsamen russisch-belarussischen Übungen eingeladen, die auf Trainingsgeländen in Belarus und Russland stattfinden sollen.

OFFENSIVE GEGEN OSTEN
Für diesen Herbst ist eine Militärübung in Belarus unter Beteiligung Russlands vorgesehen. Es wird, wie bereits früher, die Herstellung der Kontrolle über die Suwalki-Lücke geübt. [Zum Suwalki-Korridor/Suwalki-Lücke siehe «Ukraine Aktuell vom 26.Mai]

«Sie ziehen immer die Variante in Betracht, dass Kaliningrad bedroht ist, dass die NATO die Region unter Kontrolle nehmen könnte oder dass es in Belarus zu einer Art „Farbrevolution“ kommen könnte. Und dann kommt Russland „zur Rettung“ – es entsendet Truppen und kontrolliert den Sulwaki-Korridor. So ist das Szenario. Dies sind keine Fantasien, sondern Teil ihrer strategischen Szenarien.»
Natürlich besteht damit eine direkte Bedrohung für die baltischen Länder.

WAS CHINA LIEFERT
China liefert Werkzeugmaschinen, Spezialchemikalien und Schiesspulver. Wir haben bestätigte Informationen zu 20 russischen Werken. Zu Anfang 2025 waren 80 Prozent der kritischen Elektronik für russische Drohnen chinesischer Herkunft. Dafür werden Scheinfirmen eingesetzt. Ausserdem gibt es eine Zusammenarbeit im Luftwaffenbereich.

PROTESTBEWEGUNG POTENTIAL
Im Kreml ist es verboten, über die Nachfolge von Putin zu reden. Im Land ist das allgemeine Protestpotenzial da aber gering. Bei 18 bis 20 Prozent. «Wir sehen keine Voraussetzungen für eine innere Destabilisierung.» Es gibt Menschen, die in den Regionen, im Kaukasus unzufrieden sind, aber Ziel dieser Unzufriedenheit sind die regionalen Behörden. «Es gibt niemanden, der die erste Person kritisiert.»

KREML WILL SEIN GELD
Der russische Sonderbeauftragte für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland, Kirill Dmitrijew, will erreichen, dass die eingefrorenen Vermögenswerte frei werden. Das sind 280 Milliarden Dollar, eine kolossale Summe.

Dmitrijew versucht den USA für den Handel zu begeistern: «Wir haben die Arktis, wir haben Erdöl, Gas, wir haben Sibirien mit Ressourcen. Brauchen Sie Seltenerdmetalle? Mal sehen!». Damit soll die Frage der Ukraine verwässert, in den Hintergrund gestellt werden.

WEISSRUSSLAND IST SCHWACH
«Die belarussische Armee ist heute zu gross angelegten Kampfhandlungen nicht fähig. Alles, was sie an unserer Grenze stationiert haben, sind etwa zweitausend Soldaten, die uns ablenken sollen. Das heisst, die Gefechtsstärke ist gering, sie war vor dem Krieg nicht in der Lage, Offensivoperationen durchzuführen, und ihre Soldaten sind dazu moralisch nicht bereit.»

WEISSRUSSLAND LIEFERT
Am Anfang des Krieges gab Belarus alles, was sie hatten. Jetzt haben sie auch noch die Produktion von Munition und Rohrartillerie eingerichtet, die in Russland fehlt. Etwa 80 Prozent der weissrussischen Unternehmen des Militärindustriekomplexes sind in den russischen Militärindustriekomplex integriert.

BELARUS OHNE ATOM-WAFFEN

Entgegen weissrussischen Aussagen hat das Land keine Atomwaffen im Land. Es gibt Flugzeuge, es gibt Iskander-Raketensysteme. Aber Atomwaffen selbst hat Belarus nicht. Lukaschenko möchte «Oreschnik» [russische mobile Mittelstreckenrakete] bis Ende des Jahres haben. «Aber das scheint Wunschdenken zu sein.»

WENIG BELARUS OPPOSITION
Lukaschenko hält durch und kontrolliert die Situation ausschliesslich durch die Geheimdienste und durch Einschüchterung der Bevölkerung. Die Opposition wird entweder unterdrückt oder befindet sich im Ausland. Das ist die Realität von Weissrussland, die sich leider nicht geändert hat.

WAS RUSSLAND IN AFRIKA WILL
In Afrika geht es für Russland um Ressourcen und geopolitischen Einfluss. Noch unter Prigoschins Privatarmee „Wagner“ kamen die Russen nach Afrika, um seltene Erden, Erze in die Nähe der Erdoberfläche, Gold und andere Metalle zu gewinnen. Vor allem in der Zentralafrikanischen Republik, Mali oder Burkina Faso wollen sie ihren Einfluss ausbauen. Momentan hat der Kreml ein Afrika-Korps von 12’000 Menschen. Die Russen planen, es zu verdoppeln – bis zu 24’000. Das ist schon eine kleine Armee.

TÄTIGKEIT DER KIRCHE
 Ein Teil von 6,5 Millionen Ukrainer, die im Zusammenhang mit dem Krieg ins Ausland gereist sind, fällt unter den Einfluss der russischen Kirche. «Russische Popen sind nicht mehr nur Pfarrer. Sie sind Agenten und arbeiten oft für die russischen Geheimdienste.» Das besondere ist, dass einige Staaten den Kirchgemeinden Mittel zuweisen.

Dort entsteht oft auch eine Mischung von russischen und ukrainischen Gläubigen und die Kirchen werben für antiukrainische Aktionen.

WAS DER GEHEIMDIENST TUT
Priorität eins sind Russland und diejenigen, die ihm helfen. Wir haben zwei Hauptrichtungen. Die erste ist die Bereitstellung von Geheimdienstinformationen an den Präsidenten der Ukraine über Russlands Innen- und Aussenpolitik, seine Pläne und Absichten, wie wirtschaftlich stabil Russland ist, wie geht es mit Finanzen, dem Militär-Industrie-Komplex und über welches Potenzial unser Feind für die Kriegsführung verfügt.

Die zweite Richtung ist die Gewinnung und Analyse von Geheimdienstinformationen, um unsere Verteidigungskräfte zu versorgen. Wir müssen eine klare Antwort geben: Wie viel produziert und liefert der Feind an Panzern, Artilleriesystemen und Munition an die Truppen oder welche Abhängigkeit hat er bezüglich der technologischen Komponenten von fremden Ländern.

https://www.ukrinform.net/rubric-ato/3997018-oleh-ivashchenko-foreign-intelligence-chief-of-ukraine.html

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