- Probleme der ukrainischen Armee
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ENTHÜLLUNGEN ZUR 155. BRIGADE
Ein Drittel der Soldaten einer frisch in Frankreich ausgebildeten Militäreinheit sei desertiert. Mit dieser Aussage sorgte der ukrainische Journalist Juri Butusov für weltweite Schlagzeilen. Julien Lazzarotto von der Analysten-Plattform «Atum Mundi» hat sich mit der besagten Einheit befasst und ordnet ein. Seinen Text habe ich journalistisch überarbeitet, das heisst, gekürzt, Kontext und Zwischentitel eingefügt. Das Original ist hier zu finden: https://x.com/atummundi/status/1881688252631175364
Die 155. Brigade ausgerüstet und von Frankreich ausgebildet, erlitt mehrere Missgeschicke, hier aufgelistet:
- Kaum war die Brigade nach ihrer Ausbildung auf französischem Boden in die Ukraine zurückgekehrt, wurde sie sozusagen zerstückelt und in kleinen Stücken an die Pokrowsker Front geschickt, um andere, von den Russen gebeutelte Einheiten zu verstärken.
- Die 155. litt unter einem Mangel an Ausrüstung, insbesondere für die elektronische Kriegsführung sowie unter der nie erklärten Entlassung mehrerer hoher Offiziere.
- Dies führte zu einem gewissen organisatorischen Chaos, das die Moral nicht gerade verbesserte.
Nach Angaben des ukrainischen Journalisten Juri Butusov ist deswegen etwa ein Drittel der Brigade desertiert. Diese Zahl, auch wenn sie übertrieben sein kann, wirft ein Schlaglicht auf die oft geschmähte Praxis, Einheiten «ohne Reim und Verstand» aufzulösen.
DREI AUFGABEN
Ukrainische Brigaden tendieren dazu, nur auf dem Papier als Einheit zu existieren, da ihre Bestandteile oft über verschiedene Orte an der Front verstreut sind. Diese seltsame Praxis lässt sich zum Teil erklären, wenn man sich die besorgniserregende Lage der ukrainischen Truppenstärke ansieht.
Die ukrainische Armee muss Männer rekrutieren, um drei verschiedene Aufgaben zu erfüllen.
- Erstens geht es darum, einzelne Verluste in den Fronteinheiten zu ersetzen. Dies ist die klassische „Rotation“ in einem Krieg: Ein Mann stirbt an der Front, also muss er ersetzt werden.
- Zweitens müssen im Hinterland ganze neue Einheiten gebildet werden, um diejenigen abzulösen, die schon seit einiger Zeit an der Front kämpfen. Dabei kann es sich um offensive oder um defensive Einheiten handeln. Die Front darf von den Männern nämlich nicht als schwarzes Loch wahrgenommen werden, in dem bis zur Erschöpfung und zum Tod gekämpft wird. Aus Gründen der Aufrechterhaltung der Moral und der Effektivität im Kampf müssen daher frische Truppen bereitgestellt werden, die in der Lage sind, ganze Einheiten abzulösen.
- Drittens müssen Einheiten ausgebildet werden, deren Rolle strikt offensiv ist und die daher als Reserve abseits des Kampfgetümmels gehalten werden müssen (man verlangt nicht von erschöpften Einheiten, einen Durchbruch zu führen).
Diese Kategorie könnte theoretisch überflüssig sein, aber die Kriegsziele der Ukraine beinhalten die Rückeroberung des derzeit von Russland besetzten Territoriums. Das bedeutet, sie mit Gewalt zurückzuerobern, es sei denn, man geht davon aus, dass Moskau sie aus Überdruss oder als Ergebnis von Verhandlungen räumen wird.
Jede dieser drei Ebenen benötigt dafür ausgebildete Männer und Ausrüstung. In dieser Reihenfolge: die Front, dann die Ablösegruppe, dann die Gruppe der Offensiveinheiten.
OPFER DES ZERMÜRBUNGKRIEGS
Der von Russland praktizierte Zermürbungskrieg trifft die Ukrainer hart. Es ist nicht genau bekannt, wie viele ukrainische Soldaten gestorben oder mehr oder weniger dauerhaft ausser Gefecht gesetzt worden sind, aber die Hochrechnungen sind nicht ermutigend.
Die Website http://ualosses.org (die von «Mediazona» und der «BBC» als zuverlässig eingestuft wird) zählt 63’500 Tote auf der ukrainischen Seite. Verschiedene Quellen geben auch etwa 40’000 bis 50’000 Amputierte an. Hinzu kommen 60’000 Bürger, wie das ukrainische Ministerium für vermisste Personen schätzt.
Sowohl bei den Amputierten wie bei den Vermissten handelt es sich mehrheitlich um Militärangehörige (obwohl das genaue Verhältnis nicht öffentlich bekannt ist). Wir halten es daher für wahrscheinlich, dass mindestens 150’000 ukrainische Männer und Frauen getötet, vermisst und endgültig kampfunfähig gemacht wurden.
Die Ukraine hat rund 1 Million Männer zum Militärdienst einberufen, aber zwischen Verlusten, Rotationen, Trainings, Genesungszeiten und Einsätzen in der Logistik und in Garnisonsdiensten ist es vielleicht nicht überraschend, dass ihr die Arme und Köpfe ausgehen.
DIE FEUERLÖSCHER
Das erklärt vielleicht, warum Brigaden wie die 155. ins Feuer geworfen und so schnell wie möglich zerstückelt werden, um die Brände an der Frontlinie zu «löschen“. Aktuell kann sich die Ukraine nicht den Luxus leisten, 4’500 Mann in Reserve zu halten.
Die vielen Geschichten von Soldaten, die mit kaum mehr als drei oder vier Monaten Ausbildung in die Hölle von Donezk geschickt wurden, sind ein Indiz für den ständigen Bedarf an neuen Männern an der Frontlinie.
Dies ist nicht nur eine Frage der „Idiotie“ des Oberkommandos.
Aufgrund der Drohnen und der russischen Luftüberlegenheit mit Kampfjets und Helikoptern ist es ohnehin kaum vorstellbar, dass die ukrainischen Brigaden als zusammenhängende Masse manövrieren: Die Auflösung der Brigaden in Regimenter ist vielleicht im Grunde ein echter taktischer Imperativ.
DAS TEMPO REDUZIEREN
Bei dem hohen Tempo des russischen Vorstosses müssen Rekruten, die gerade die Militärakademie verlassen haben, an die heissesten Orte geschickt werden. In einer solchen Situation kann die Motivation nicht mithalten. Daher kommt es zu Desertionen.
Das Problem besteht darin, dass der Schaden, den Russland dem ukrainischen Militärapparat zufügt, im Verhältnis zu dessen Aufnahmefähigkeit zu gross ist. Dies ist der Grund dafür, dass kaum ausgebildete Einheiten aus kurzfristigen Gründen geopfert werden.
Dies erklärt auch, warum die Ukraine im Fall der Kursker Sommeroffensive im letzten Jahr nur Kampfeinheiten aufstellen konnte, die aus einem Dutzend verschiedener Brigaden zusammengestellt waren: Es scheint kaum eine Masse zu geben, die in Reserve gehalten wird und einsatzbereit ist.
Zum Leidwesen der Ukrainer scheint die einzige Lösung darin zu bestehen, eine Verringerung des russischen Einsatztempos anzustreben, denn nur so könnte die militärische Organisation atmen und Lösungen finden. Aber wie kann man das erreichen?