- Schwierige ukrainische Frontlage
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Asami Terajima ist Reporterin der ukrainischen Zeitung «Kyiv Independent». Die Publikation macht sich einen Namen als unabhängig und journalistisch kritisch auch gegenüber Vorgängen in der Ukraine.
Als Unterstützer des ukrainischen Volkes wünsche ich mir positive Nachrichten im Kampf gegen die russischen Truppen. Doch das heisst nicht, eine rosarote Brille zu tragen. Aus diesem Grund veröffentliche ich hier den Artikel von Asami Terajima, der ein ungeschöntes Bild der aktuellen Kriegssituation aufzeigt. Er beschreibt, wie sich die ukrainische Armee trotz einer personellen Unterlegenheit wehrt und schnelle Erfolge der Russen zu verhindern versucht, was aber nicht immer gelingt.
Ich habe diesen Artikel https://kyivindependent.com/ukraine-ends-year-battered-with-russian-troops-pushing-north-east-and-south redaktionell redigiert und leicht gekürzt.
Wer unabhängige Medien in der Ukraine oder «Ukraine Aktuell» unterstützen will, findet am Ende des Artikels Möglichkeiten.
ANGESCHLAGENE UKRAINE
Das gesamte Jahr 2024 über waren die ukrainischen Truppen in der Defensive und verloren im Nordosten des Oblast Kharkiv und im Osten des Oblast Donezk Territorium an die vorrückenden russischen Truppen.
- Russland eroberte im Februar Avdiivka, eine Industriestadt im Oblast Donezk, und leitete damit Moskaus Offensiven in der gesamten Region ein.
- Russische Truppen nutzten eine schlecht durchgeführte Rotation ukrainischer Einheiten aus und stiessen in Richtung Torezk und Niu-York vor. Das sind zwei Städte im mittleren Teil des Oblast Donezk, die bis dahin kaum angegriffen worden waren.
- Im Sommer gewann Russland im östlichen Teil der Region weiter an Boden und näherte sich allmählich Pokrovsk, Kurachove und Vuhledar. Vuhledar wurde im Oktober eingenommen. Experten sagen damals, dass Russland Pokrovsk innerhalb von «Monaten» einnehmen könnte.
- Nördlich von Kharkiv, der zweitgrössten Stadt der Ukraine, startete Russland im Mai eine Überraschungsoffensive, die die ukrainischen Truppen, die bereits Schwierigkeiten hatten, die aktuellen Linien zu halten, weiter unter Druck setzte.
Das Land beendet das Jahr nun mit einem ungelösten Personalmangel, einer drohenden Niederlage in mehreren wichtigen Schlachten und wenig Aussicht auf eine Änderung der Situation auf dem Schlachtfeld.
OPERATION KURSK
Obwohl die Ukraine an allen Fronten in der Unterzahl und unterlegen ist, startete sie im August einen kühnen grenzüberschreitenden Einfall in die russische Oblast Kursk.
Im Dezember kontrollierte die Ukraine noch knapp die Hälfte des ursprünglich eroberten Gebiets. Sie bereitet sich auf eine drohende russische Gegenoffensive vor, an der sich nordkoreanische Truppen beteiligen. Laut Angaben eines hochrangigen ukrainischen Beamten, der mit den Geheimdienstinformationen vertraut ist, haben einige der rund 12’000 nordkoreanischen Soldaten, die im Oblast Kursk stationiert sind, an Angriffseinsätzen teilgenommen.
Ein hochrangiger Beamter des Generalstabs teilte der Nachrichtenagentur Reuters Ende November mit, dass die Ukraine über 40 % des zuvor eroberten Gebiets im Oblast Kursk verloren habe. Im Dezember kontrollierte die Ukraine weniger als 500 Quadratkilometer der Oblast Kursk, was laut einem Analysten der «Black Bird Group» in etwa der Grösse von Chicago entspricht.
Die Stadt Sudzha ist ein wichtiger Versorgungsknotenpunkt für die ukrainischen Truppen in der Region. Dieser Stadt nähern sich die russischen Truppen. Laut der ukrainischen Analystenwebseite «DeepState» sind sie nur wenige Kilometer von Sudzha entfernt. Die Einkreisbedrohung ist real und die Stituation sei «besorgniserregend» sagt John Hardie, stellvertretender Direktor des Russland-Programms bei der «Foundation for Defense of Democracies».
OBLAST KHARKIV
Der Nordosten der Oblast Kharkiv wird durch zwei Schlachten erschüttert. Es geht um intensive Kämpfe nördlich von Kharkiv, der zweitgrössten Stadt des Landes. Die zweite Schlacht betrifft die Stadt Kupjansk im östlichen Teil der Region.
Die Frontlinie nördlich von Kharkiv stabilisierte sich im Sommer. Zuvor hatte Russland im Mai eine Offensive gestartet, um die Stadt Vovchansk erneut einzunehmen, die sie bereits im 2022 sechs Monate lang gehalten hatte. Obwohl das Anfangstempo hoch war, gelang es Moskau nicht, die Stadt Vovchansk vollständig zurückzuerobern und in Richtung Kharkiv vorzudringen.
«Paroinen», ein Analyst der Black Bird Group, sagte, er erwarte nicht, dass Russland in den kommenden Monaten bedeutende Fortschritte auf der Achse von Vovchansk erzielen werde. Der Grund: Die Russen brauchen Ressourcen für das östlich gelegene Gebiet Donezk und für die Rückeroberung des Gebiets Kursk.
Eine besorgniserregende Situation zeichnet sich im Gebiet Kharkiv um die Stadt Borova im südöstlichen Teil der Region ab. Russland hat neue Angriffe von der russisch besetzten Stadt Svatove aus über den Fluss Oskil gestartet. Der Black-Bird-Analyst sagt: «Ich würde die Richtung von Borova sehr genau beobachten und auch, ob die Russen in der Lage sind, einen grösseren Vorstoss in Richtung Kupjansk zu starten.»
OBLAST DONEZK
Im nördlichen Teil des Oblast Donezk liegt der Serebryansky-Wald, der nach jahrelangen schweren Kämpfen in der Region weitgehend verkohlt und stark zerstört ist. Russland hat die Initiative an der Frontlinie in der Nähe der von Russland besetzten Stadt Kreminna im nahe gelegenen Oblast Luhansk ergriffen und setzt die ukrainische Verteidigung dort weiterhin unter Druck.
Etwa 50 Kilometer südlich des Waldes tobt der Kampf um Chasiv Yar, eine hügelige Stadt, die jetzt teilweise von russischen Truppen besetzt ist. Die Ukraine versucht, sie um jeden Preis zu halten, nachdem sie im Mai 2023 gezwungen war, sich aus den Ruinen von Bakhmut – etwa 10 Kilometer östlich – zurückzuziehen. Russische Truppen sind im Herbst über den Siverskyi-Donez-Donbas-Kanal vorgedrungen, der durch die Stadt verläuft. Zudem versuchen sie, die Stadt von Norden und Süden her zu umzingeln.
Chasiv Yar ist über die Autobahn T0504 mit einer anderen wichtigen Stadt im Oblast Donezk, Pokrovsk, verbunden. Diese Autobahn war lange Zeit eine wichtige Logistikroute. Durch einen unerwarteten russischen Durchbruch wurde diese Autobahn unterbrochen und fiel für die Versorgung der ukrainischen Truppen aus.
SCHLACHT UM POKROVSK
Pokrovsk, eine Stadt, die den grössten Teil des Krieges als Logistikzentrum im Hinterland diente, ist nun der Hauptangriffspunkt der vorrückenden russischen Truppen. Nach der Einnahme des Dorfes Schewtschenko stehen russische Truppen 3 bis 4 Kilometer östlich und südlich der Stadt, in der einst über 60’000 Menschen lebten.
Russische Truppen scheinen zu versuchen, Pokrovsk von Südwesten her zu «umzingeln», um die Zufahrtsstrassen zur Stadt abzuschneiden. John Hardie von der «Foundation for Defense of Democracies» sagt: «So haben sie in der Vergangenheit oft versucht, einige dieser Städte einzunehmen, indem sie sie quasi verschlungen und einen direkten Angriff vermieden haben.» Ein möglicher Fall von Pokrovsk sei allerdings eine Frage von Monaten und nicht von Wochen.
«Die ukrainischen Streitkräfte weigern sich, sich zurückzuziehen, und kämpfen um jeden Zentimeter des Geländes, was bedeutet, dass sie ständig aus sehr ungünstigen Positionen kämpfen», fügte er hinzu.
Auch die Lage rund um die Stadt Velyka Novosilka, 55 Kilometer südlich von Pokrovsk, verschlechtert sich laut Experten. Wenn es Russland gelingt, südlich vom Dorf Staromaiorske und südwestlich von Riwne vorzudringen, könnte es «das Dorf von so ziemlich allen Seiten isolieren». Velyka Novosilka ist Russlands Hauptziel im südlichen Teil der Region.
OBLAST SAPORISCHJA
Ähnlich wie im Oblast Kharkiv bleibt die Lage an der Front im südöstlichen Oblast Saporischschja trotz der wiederholten Warnungen des ukrainischen Militärs vor einem möglichen neuen russischen Vorstoss in der Region recht stabil.
In den Gebieten weiter westlich des Oblast Donezk, wo die Ukraine 2023 versuchte, eine Gegenoffensive auf der Achse Orikhiv zu starten, ist es laut der «Black Bird» Analysten unwahrscheinlich, dass sich russische Truppen auf eine grössere Operation einlassen werden.
OBLAST KHERSON
Weiter südlich hat Russland seine Luftangriffe auf den von der Ukraine kontrollierten Teil des Oblast Kherson, einschliesslich der Regionalhauptstadt, verstärkt.
Doch durch den mehrere Kilometer breiten Dnipro-Fluss getrennt, gibt es keine Anzeichen dafür, dass eine der beiden Seiten es wagen würde, eine Operation zur Überquerung des Flusses durchzuführen.
Die Ukraine versucht, ihre begrenzte Präsenz auf den Dnipro-Inseln zu halten. Beide Seiten sind bereit, den Kampf um dieses schwierige Gelände im Dnipro-Delta, das nur wenig strategischen Wert hat, fortzusetzen.
Es ist unwahrscheinlich, dass Russland eine Offensive über den Dnipro starten würde, um an das von der Ukraine kontrollierte Westufer des Flusses zu gelangen, denn dies wäre «ein sehr grosses Risiko».
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